Themenspecial
Ich bin ein Läufer
Ich bin ein Läufer: Detlef Wolf Dirk Mathesius

Detlef Wolf Dem Knastalltag entlaufen

Detlef Wolf hat als Vollzugsleiter einer ­JVA so ziemlich jede kritische Situation erlebt. Das Laufen ist sein Ausgleich.

Detlef Wolf, 59, Gefängnischef aus Berlin, entdeckte dank seiner Ehefrau das Laufen für sich. Als „Vollzugsleiter der ­Justizvollzugsanstalt Plötzensee“ – so seine korrekte Berufsbezeichnung – schätzt der Beamte die ausgleichende Wirkung des Sports nach Feierabend, bei dem er seinen Arbeitsalltag rekapitulieren kann, vor allem nach ernsten und gefährlichen Vorfällen.

„Als ich anfing mit dem Laufen, war ich neugierig, wie sich das anfühlt, was meine Frau als Laufleidenschaft empfand“

„Ohne meine Frau würde ich niemals Marathon laufen“, bekennt Detlef Wolf, der an Silvester 2008 die Marathonläuferin Bettina Börner traf, die heute seine Ehefrau ist. Bis zu jener Zäsur – Jahreswechsel mit schicksalhafter Begegnung – war er zwar ein sport­licher Mann, rannte aber nur gern, wenn ein Ball im Spiel war. Laufen um des Laufens willen gehörte nicht zu seinen Hobbys. „Als ich dann doch damit anfing, wollte ich zunächst vor allem meine Frau nicht enttäuschen. Aber ich war auch neugierig, wollte erfahren, wie sich das anfühlt, was sie als Laufleidenschaft empfand“, erinnert sich Detlef an ihre ersten gemeinsamen Trainings. Die Ehe kann man als erfolgreiche Akquisition für den Laufsport ansehen.

Debüt beim Marathon des Châteaux du Médoc

Bettina Börner, die ihren Nachnamen ­behielt, ist für ihren Mann bis heute das Kompetenzzentrum in Sachen Laufen. Immerhin hat sie mehr als 30 Marathons auf dem Konto, davon 20 in Berlin, und mit 3:25:25 Stunden die bessere persön­liche Bestzeit. Und nur dank ihr gibt es seit 2013 einen Marathonläufer mehr auf der Welt: Detlef debütierte ausgerechnet beim Marathon des Châteaux du Médoc. „Das ergab sich halt so“, erklärt er die Wahl der Veranstaltung. „Gerade als ich so weit war, die Distanz zu ­bewältigen, wollte eine befreundete Gruppe ohnehin in Pauillac im Médoc starten.“Bei seinem langen Ausflug durch die Weingüter des Médoc kostete Detlef neben dem ein oder anderen Tropfen auch die Leiden und Freuden eines Marathonläufers. „Der Trubel, die Landschaft, die kostümierten Läufer – alles zusammen war eine neue Erfahrung. Aber das Auf­regendste war die Distanz an sich.“ Sein Marathon-Ehrgeiz war geweckt.

Heute ist es der Berlin-Marathon, der zu den privaten Highlights des gebürtigen Berliners gehört. 2016 stellte Detlef mit 3:41:35 Stunden seine persönliche Bestzeit auf. Jährliche Standards sind auch der Berliner Halbmarathon, der S 25 Berlin, der Schweriner Fünf-Seen-Lauf und die Justizstaffeln bei der „5 x 5 km Team-Staffel“ im Tiergarten. Letztere ist so beliebt, dass sie an drei Tagen stattfindet und trotzdem stets ausgebucht ist. Dieses Jahr hatten die Justiz-Läufer allerdings Pech: Wegen eines Gewitters wurde ausgerechnet ihr Vergnügen abgesagt. Als Vollzugsleiter und ständiger Vertreter des Anstaltsleiters ist Detlef Chef von 620 Mitarbeitern. Ob er seine Teampartner, die ja auch seine Kollegen sind, im Schweiße der Staffelübergabe duzt? –„Nein, wen ich sieze, den sieze ich auch im Wettkampf – und umgekehrt: Wenn ich jemanden duze, dann bleibt es dabei, auch in einer großen Konferenz.“

Detlef ist ein bodenständiger Mann, ein Chef-Typ. Seit Oktober 2016 leitet er die internen Angelegen­heiten der JVA Plötzensee. Die wichtigsten Bereiche sind: ­geschlossener Männervollzug mit 278 Haftplätzen, ­offener Männervollzug mit 190 Plätzen (hier haben die Bewohner mehr Freiheiten), 116 Betten im Justizkrankenhaus und Vollzug der Ersatz­freiheitsstrafe (deren Bewohner haben vom Gericht verhängte ­Geldstrafen nicht geleistet). Vor seinem Wechsel nach Plötzensee war ­Detlef Vollzugsleiter der JVA Heidering, Berlins modernstem Gefängnis, dessen personelle und organisatorische Strukturen er mit aufbauen durfte. Alles in allem hat der Beamte schon 40 Jahre in Gefängnissen „gesessen“ – meist auf Chefstühlen. Angefangen hat er 1979 in der JVA Tegel, wo er 30 Jahre lang in verschiedenen Funktionen Ausdauer bewies. „Dort wurde ich mit vielen kritischen Situationen kon­frontiert, da­runter auch mit Geiselnahmen, Entweichungen, Übergriffen“, blickt er ­zurück.

10-Kilometer-Lauf in seiner JVA

Auch heute ist sein Job nicht ­gerade entspannend. Anfang 2018 musste er die Folgen einer Ausbruchsserie in Plötzensee managen, die bundesweit für Negativschlagzeilen gesorgt hatte, und dabei auch unliebsame Entscheidungen treffen. „Das Laufen gibt mir Ausgleich und Kraft für diese stressigen Anforderungen. Oft finde ich nach ein paar Kilometern die innere Haltung zu bestimmten Ereignissen“, so der Vollzugsleiter. Für positive Schlagzeilen in der JVA Plötzensee sorgt das Laufen: Seit 2014 gibt es dort einen 10-Kilometer-Lauf für Inhaftierte aller Berliner Gefängnisse. Auch ­externe Läufer können daran teilnehmen.

„Die Bedeutung des Sports für die ­Insassen ist mir bewusst“, stellt Detlef klar, als er auf das Lauftraining der Gefangenen angesprochen wird. „Beim Sport kann man sich abreagieren, seine Kräfte kana­lisieren, Sozialverhalten üben, Teamgefühl entwickeln, Spielregeln lernen und noch vieles mehr“. Er selbst lebt es vor.

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