RUNNER’S WORLD Laufsymposium 2020 RUNNER’S WORLD

Neuheiten aus der Running-Szene Laufsymposium 2020

Das Laufsymposium von RUNNER’S WORLD - ein beliebter Treffpunkt für Fachhändler, Hersteller und Interessierte der Laufbranche.

Das bereits 7. Laufsymposium der Zeitschrift Runner’s World fand am 27. Januar im Rahmen der ISPO-Sportmesse in München statt. Wie schon bei den vergangenen Veranstaltungen erwies sich das Symposium wieder als wichtiger Treffpunkt der Laufszene, bei dem Hersteller ihre neuen Konzepte vorstellten und sie mit den Fachleuten aus der Branche diskutierten. Gegenüber den Vorjahren war die Zahl der Teilnehmer nochmals deutlich gestiegen.

Spannende Entwicklung bei Laufschuhen in den letzten fünf Jahren

„Wir leben in einer unglaublich spannenden und innovativen Zeit“, erklärte Urs Weber, Redakteur bei RUNNER’S WORLD und Moderator des Symposiums gleich zu Beginn. Das Segment Running habe sich seit den siebziger Jahren, als Laufen zum Gesundheitssport wurde, eher langsam entwickelt. Erst in den letzten fünf Jahren habe die Entwicklung deutlich an Fahrt aufgenommen – ausgerechnet zu einer Zeit, als alte, scheinbar gesicherte Auffassungen über Laufschuhe begraben wurden. Urs Weber erinnerte an den Vortrag von Benno Nigg auf dem Laufsymposium 2015, auf dem dieser erklärt hatte, dass die Konzepte Dämpfung und Pronationskontrolle wissenschaftlich nicht länger haltbar seien.

„Benno Nigg ließ uns damals mit einem Fragezeichen zurück“, erinnerte sich Weber. Als neue Konzepte habe er lediglich den bevorzugten Bewegungspfad des Läufers und den Komfort des Schuhs als wichtigste Faktoren zur Vermeidung von Laufverletzungen angeboten. Daraus habe man folgern müssen, dass Laufschuhe offenbar die ganzen Jahre auf der Basis falscher Parameter verkauft wurden.

Die Ratlosigkeit von damals sei vorbei. „Heute haben wir Lösungen“, freute sich Weber zu verkünden. Neue, innovative Hersteller aber auch die etablierten Marken würden Konzepte entwickeln, die einen neuen Zugang zur Leistungsverbesserung und Verletzungsvermeidung bieten. Einige davon stellten ihre Neuheiten auf dem Laufsymposium vor.

Under Armour: Laufstilkorrektur in Echtzeit

Nach 2019 war Under Armour erneut zu Gast beim Laufsymposium, um über die Weiterentwicklung der im vergangenen Jahr präsentierten Innovationen zu berichten. „Wir wollen Lösungen bieten, an welche die Läufer gar nicht gedacht, haben, auf die sie aber nicht mehr verzichten wollen“, erklärte Topher Gaylord, verantwortlich für den Lauf- und Outdoor-Bereich, die Philosophie von Under Armour.

„Wer früher seine Leistung verbessern wollte, dem hat man gesagt, er soll einfach mehr Kilometer laufen“, sagte Gaylord. Mit dem Konzept „Connected Fitness“ verfolgt Under Armour einen anderen Ansatz, den die Produktmanagerin Kaitlyn Carpenter vorstellte. Schuhe mit Bewegungssensoren und die App „Map my run“, die Daten zum Laufstil speichert und auswertet, hatte Under Armour schon 2019 vorgestellt. Die Weiterentwicklung bietet dem Läufer nun in Echtzeit Rückmeldungen zu seinem Laufstil, wie zum Beispiel der Schrittlänge oder dem Fußaufsatz. So kann er seinen Laufstil direkt korrigieren, wenn er den für ihn als optimal berechneten Bereich verlässt. Basis für die Berechnung sind zum einen Daten zu Alter, Geschlecht, Gewicht und Körpergröße sowie die Empfehlungen erfahrener Lauftrainer. Mittlerweile kann Under Armour dazu auch auf einen umfangreichen Datenpool seiner Nutzer zurückgreifen. Durch die daraus generierten individuellen Empfehlungen soll nicht nur die Leistung gesteigert, sondern auch Verletzungen vermieden werden.

Joshua Rattet stellte das neueste Schuhmodell von Under Armour vor, das „Machina“ getauft wurde. Ganz in Rot soll der Schuh der ultimative, leistungsfähigste „Rennwagen“ unter den Laufschuhen sein. Hier habe man die von Under Armour entwickelt HOVR-Technologie für die Zwischensohle auf die Spitze getrieben. Das Material verbindet Dämpfung mit großer Rückstellfähigkeit. In Kombination mit einer sogenannten „Propulsion Plate“ in der Zwischensohle soll so die Vorwärtsbewegung wesentlich unterstützt werden.

Asics: Olympiade in Tokio steht im Mittelpunkt

Die Olympischen Spiele in Tokio sind in diesem Jahr das weltweit wichtigste Sportereignis – natürlich auch für die japanische Marke Asics. Das olympische Jahr wird sich für Asics zwischen der Rückbesinnung auf die grundlegenden Werte der Marke und Innovationen für die Läufer abspielen. „Wir müssen uns keine Geschichte zu unserer Marke ausdenken, wir haben eine“, sagte Gary Raucher, Category-Manager für Europa. Er verwies auf den Gründer der Marke, Kihachiro Onitsuka, dessen Anliegen es immer gewesen sei, das Leben der Menschen durch den Sport zu verbessern. Anima Sana in Corpore Sano heißt Asics ausgeschrieben. Der Name verweist darauf, dass die körperliche Gesundheit auch gut für die seelische Gesundheit ist.

Stress ist die Plage unserer Zeit, so Gary Raucher, und das Laufen, sei für immer mehr Menschen ein Ausgleich dafür. Für Asics steht deshalb die Frage im Mittelpunkt, was die Läufer brauchen und wie sie an das richtige Produkt kommen. So hat Asics nicht nur die grundlegenden Bedürfnisse der Läufer untersucht, sondern auch den Beratungsprozess im Geschäft. Oft würden Läufer vom Überangebot erschlagen und deshalb Schuhe vor allem nach dem Preis oder dem Design kaufen, erläuterte Raucher.

Die Bedürfnisse der Läufer werden von Asics auf drei Fragen heruntergebrochen: Wollen Sie weiter oder schneller laufen? Möchten Sie vom Schuh unterstützt werden oder nicht? Welches Level an Komfort soll der Schuh bieten? Auf der Basis dieser Fragen und der Daten des Läufers wird ein Schuh empfohlen. Auch bei Asics hat man in der Vergangenheit viele Daten über Läufer und ihre Laufstile sowie Fußdaten und Daten über die Schuhverkäufe gesammelt. Diese setzt man jetzt für bessere Schuhempfehlungen ein. Weitere Daten sollen Schuhe mit Bewegungssensoren und einer Druckmesssohle liefern, die in Kürze auf den Markt kommen sollen.

Andreas Moll vom Asics Innovationscenter stellte die Neuentwicklungen von Asics hinsichtlich der Laufeffizienz vor. Durch das Studium von Laufstilen und biomechanische Analysen hat Asics das Sprunggelenk als „Energiefresser“ in der Bewegung ausgemacht. Mit der neu entwickelten „Guidesole“, die in drei Modellen verbaut ist, soll die Auf- und Ab-Bewegung im Sprunggelenk reduziert und die Landung besser unter dem Körperschwerpunkt zentriert werden. Dadurch erhalte der Läufer mehr Vortrieb und ein ganz neues Rollgefühl.

Einen Rückblick und einen Ausblick auf Olympia boten Dieter Baumann und Laura Hottenrott im Gespräch mit Matthias Kohls vom Asics Sport Marketing. Natürlich musste Dieter Baumann von seinem Olympiasieg 1992 in Barcelona berichten, als sich im 5000 Meter Finale für ihn die Lücke auftat. „Ich habe die Lücke schon lange vor den Reportern gesehen“, meinte Baumann trocken. „200 Meter vor dem Ziel wusste ich, dass ich gewinne und habe es genossen.“

Laura Hottenrott, die bei Baumanns Olympiasieg drei Monate alt war, gestand, dass sie sich manche Läufe von Läuferinnen und Läufern, die sie bewundert, zur Motivation immer wieder anschaut, natürlich auch Baumanns Lauf zu Olympiagold in Barcelona. Nachdem sie im vergangenen Jahr viel verletzt war, hat Hottenrott die Hoffnung auf eine Teilnahme in Tokio noch nicht aufgegeben und will im Frühjahr versuchen, die Norm für die Teilnahme in Tokio zu schaffen.

Nike: Verletzungsreduktion durch neues Schuhkonzept

Im vergangen Jahr war Nike in den Schlagzeilen mit Eliud Kipchoge, der als erster Mensch in einem Nike Schuh einen Marathon unter zwei Stunden lief. Läufer schneller zu machen, ist ein wichtiges Ziel, erklärte Matthew Nurse, Leiter des Forschungslabors bei Nike. Aber, so Nurse, verbessern kann man sich nur, wenn man auch trainieren kann und nicht verletzt ist. „Nicht laufen zu können, ist das Schlimmste für einen Läufer“. Früher habe man geglaubt, Verletzungen ließen sich durch Bewegungs- bzw. eine Pronationskontrolle verhindern. Das habe sich als falsch herausgestellt. Deshalb sei es Zeit für einen neuen Ansatz.

„Wir haben den Läufern zugehört“, berichtete Nurse. Und diese hätten Komfort im Schuh, einen flüssigen Bewegungsablauf und einen Schuh, in dem sie sich geschützt fühlen, gefordert.

Umgesetzt wurden diese Forderungen mit dem neuen „Nike React Infinity Run“, dessen Material und Eigenschaften von Kylee Barton, Senior Footwear Director bei Nike, vorgestellt wurden. Ähnlich wie bei anderen Marken, wird auch hier ein Zwischensohlenmaterial eingesetzt, das gute Dämpfungseigenschaften mit hoher Rückstellkraft kombinieren soll. An der Ferse ist die Sohle etwas dicker für Dämpfung und Komfort, sowie etwas breiter für mehr Stabilität. Zusätzlich wurde die Laufsohle insgesamt, aber vor allem im Vorfußbereich abgerundet. Dies soll eine bessere Abrollung von der Ferse bis zu den Zehen ermöglichen.

Verhindert dieser Schuh tatsächlich Verletzungen? Das wurde in einer Studie des British Columbia Institute an 226 Probanden untersucht, die sich in einem zwölf Wochen dauernden Programm auf einen Halbmarathon vorbereiteten. Als Vergleichsschuh diente der Nike Air Zoom Structure 22. Als Verletzung galt, dass man drei oder mehr Trainingseinheiten verpasste. Bei der Auswertung zeigte. sich, dass die Träger des neuen React Infinity Run tatsächlich 52 Prozent weniger Verletzungen hatten als die Läufer im Vergleichsschuh.

„Wir waren selbst überrascht und begeistert“, berichtete Matthew Nurse. Damit habe man aber noch nicht das Problem der Verletzungen durch Schuhe gelöst, schränkte er ein. Es sei ein vielversprechender Schritt, aber man stehe am Anfang einer aufregenden Reise.

Veja: Plädoyer für Nachhaltigkeit und Fairness

Nachhaltigkeit beim Materialeinsatz und in der Produktion scheint auch im Laufschuhbereich wichtiger für die Hersteller zu werden. So berichtete Andreas Moll, dass Asics nicht nur die Bekleidung für die Helfer bei Olympia aus recycelten Altkleidern herstellt, sondern auch bei manchen Schuhlinien Recyclingmaterial oder nachwachsende Rohstoffe einsetzen will.

Ganz der Nachhaltigkeit verschrieben hat sich die Marke Veja aus Frankreich, die 2004 von zwei jungen Betriebswirten mit dem Wunsch gegründet wurde, Schuhe ganz aus natürlichen Materialien wie organischer Baumwolle und Naturkautschuk herzustellen. Die Lieferanten fanden sie nach monatelanger Suche in Brasilien. Mit viel „Lehrgeld“ wurden auch die ersten Prototypen gefertigt. Das Problem: Die Händler interessierten sich nicht für nachhaltig und fair produzierte Schuhe. Das Glück der beiden Gründer: Das Design ihrer Schuhe gefiel den Schuhhändlern und den Kunden, so dass die erste Kollektion verkauft werden konnte. „Daraus haben wir gelernt, dass das Design genauso wichtig ist, wie das Material und die Herstellung“, berichtete Sébastian Kopp, einer der beiden Gründer von Veja.

Das Unternehmen wuchs zunächst langsam aber stetig, auch ohne Werbung zu machen. Das Geld dafür stecke man in das Produkt, das in der Herstellung wesentlich teurer sei, so Kopp. Durch den Verzicht auf Werbung gelinge es dennoch, einen marktfähigen Verkaufspreis zu realisieren. Von Anfang achteten die Gründer auch darauf, die Produzenten fair zu bezahlen. 4,5 Millionen Paar Schuhe haben sie inzwischen verkauft. 2019 war der Umsatz auf 65 Millionen Euro gestiegen. In München präsentierten Sébastian Kopp und Arnaud Dabir das jüngste Kind der Marke, den Laufschuh Condor. „Niemand will einen ökologischen Laufschuh“, erklärte Arnaud Dabir, der für den Laufschuhbereich verantwortlich zeichnet. Passform, Funktion und Design müssten stimmen. Und das passe, zeigten sich die beiden selbstbewusst. Es sei vielleicht kein Laufschuh, um die persönliche Bestleistung zu verbessern, aber ein Schuh für einen ganz entspannten Lauf mit gutem ökologischem Gewissen, so Kopp. Weitere Laufschuhe sind geplant, bei denen der Einsatz nachwachsender Rohstoffe in der Produktion noch weiter erhöht werden soll.

Neue Konzepte haben den Markt verändert

Die Veränderung der Laufschuhkonzepte lässt sich auch an den Verkaufszahlen ablesen. Dominierten 2004 noch Schuhe zur Pronationskontrolle die Verkaufscharts, wurden sie 2014 von Natural Running-Konzepten abgelöst, für die sinnbildlich der Nike Free steht. Die Zahlen hierzu lieferte Dietmar Brandl vom Marktforschungsinstitut „npd“, das den Sportmarkt seit vielen Jahren begleitet. 2019 waren die reinen Laufschuhe schließlich von Schuhen abgelöst, die sich neben dem Laufen auch für die Freizeit eignen.

Nachdem Mitte des vorigen Jahrzehnts die Pronations- und Impactkontrolle eigentlich beerdigt wurden, beobachtet Brandl seit 2016 wieder eine Zunahme von Schuhen mit ausgeprägter Dämpfungsfunktion. Auch das Thema Pronation scheint noch nicht ganz vorbei zu sein, merkte Martin Grüning, Chefredakteur von RUNNER’S WORLD, in der abschließenden Podiumsdiskussion an. Zwei der Hersteller auf dem Laufsymposium hätten Schuhkonzepte dazu vorgestellt. „Die alten Kategorien sind out, aber wir haben noch keine neuen“, erklärte Grüning diesen Rückgriff auf die alten Konzepte und Einteilungen. Allerdings weiß er auch aus eigener Erfahrung, dass Passform und Komfort heute für viele Läufer wichtige Kriterien bei der Schuhauswahl wichtig sind. Damit wäre Benno Niggs Ansatz also durchaus im Markt angekommen.

Den Komfort bei der Schuhauswahl interpretierte Dieter Baumann auf seine Weise. „Ich suche mir die Schuhe aus, die mir nicht wehtun“. Sein Frühwarnsystem ist dabei seine Wadenmuskulatur und die Achillessehne. Die würden sofort zurückmelden ob er in dem Schuh laufen kann oder nicht. Auch Laura Hottenrott beobachtet sehr genau, wie sich ihre Laufschuhe auf ihren Körper auswirken. Sie greift am liebsten auf Schuhe zurück, die sich bewährt haben. Nur für die Wettkämpfe hätte sie gerne den Schuh, mit dem sie am schnellsten läuft, bekannte sie.

Dieser Artikel kann Links zu Anbietern enthalten, von denen RUNNER'S WORLD eine Provision erhält. Diese Links sind mit folgendem Icon gekennzeichnet:
Zur Startseite