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Unregelmäßigkeit des Herzrhythmus

Was ist eigentlich die Herzfrequenzvariabilität?

Wussten Sie schon, dass kein Herz völlig regelmäßig schlägt und dass die Unregelmäßigkeiten eine Menge über Ihre Fitness verraten?

Die Kraft des Herzens liegt in der Ruhe. Jeder Läufer sollte sich deswegen mit dem schwierigen Begriff Herzfrequenzvariabilität oder Herzratenvariabilität vertraut machen (kurz: HRV, vom englischen heart rate variability) vertraut machen. Denn dieser selbst vielen Ärzten unbekannte Wert ist ein wichtiger Gradmesser für Ihre Leistungsfähigkeit. „Vor 10 bis 15 Jahren stand der Begriff nicht einmal im gängigsten medizinischen Wörterbuch“, erklärt Professor Kuno Hottenrott, Sportwissenschaftler an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. „Erst in den letzten Jahren ist die Zahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen dazu sprunghaft gestiegen.“ Der Grund dafür: Die Herzfrequenzvariabilität gilt zunehmend als eine Art Generalmaß für Fitness. Sie sagt nicht nur viel darüber aus, wie es um die allgemeine Leistungsfähigkeit Ihres Körpers steht, wie groß seine Fähigkeit zur Erholung ist und ob Sie trainieren oder sich ausruhen sollten. Sie verrät auch, ob Sie zurzeit ganz gesund oder gestresst sind.

Was ist die Herzfrequenzvariabilität eigentlich genau und wie hoch ist sie im Durchschnitt?

Um das zu erklären, müssen wir zuerst einige grundlegende Eigenschaften des Herzens erläutern. Generell schlägt das Herz in Ruhe langsamer und bei hoher Belastung schneller. Die Zahl der Schläge pro Minute wird als Herzfrequenz (oft auch nur als Puls) bezeichnet. So weit, so bekannt.

Orthostatischer Test mit einer Polar-Uhr
RUNNER'S WORLD
Hier sehen Sie den Verlauf der Herzfrequenz während eines orthostatischen Tests mit einer Polar Vantage V. Die Herzfrequenzvariabilität des Probanden beträgt in Ruhe durchschnittlich 106 Millisekunden, im Stehen nur 37 Millisekunden.

/// WEITERLEITUNG einrichten?? --> $(link:e:https://www.runnersworld.de/training/effektiver-laufen-durch-pulskontrolle.279138.htmWeitere Informationen: Training nach Herzfrequenz – Effektiver laufen durch Pulskontrolle_self)$

Was viele nicht wissen, ist, dass das Herz nie ganz gleichmäßig schlägt. Ein Ruhepuls von 60 Schlägen pro Minute bedeutet nicht, dass der Abstand zwischen den einzelnen Herzschlägen jeweils genau eine Sekunde bzw. 1.000 Millisekunden beträgt. Variationen von über 100 Millisekunden sind in ausgeruhtem Zustand ganz normal und zeigen, dass das Herz schnell auf kleinste Veränderungen reagiert. Gut sehen kann man das im EKG: Die großen Zacken sind nie exakt gleich weit voneinander entfernt – diese Abweichung ist die Herzfrequenzvariabilität. Je stärker diese Abstände um einen individuellen Grundwert schwanken, desto besser kann sich das Herz des Betroffenen an körperliche (etwa durch Training hervorgerufene) und seelische (zum Beispiel durch Stress verursachte) Belastungen anpassen.

Anders gesagt: Je unregelmäßiger Ihr Herz schlägt, desto höher ist die Herzratenvariabilität und desto leichter fällt es dem Organismus, schnell ein paar Gänge hoch- oder herunterzuschalten. Ein unregelmäßiger Herzschlag – nicht zu verwechseln mit krankhaften Herzrhythmusstörungen – ist also ein deutliches Zeichen dafür, dass Sie fit und gesund sind. Ein zu starrer Rhythmus deutet dagegen darauf hin, dass etwas nicht stimmt. So schlägt Ihr Herz in den Stunden und auch Tagen nach intensiven (sich häufig wiederholenden) körperlichen Belastungen gleichförmiger. Eine niedrige Herzfrequenzvariabilität kann daher ein klares Symptom dafür sein, dass Sie zu viel trainiert haben oder Ihnen das letzte Rennen noch in den Knochen steckt. Wie hoch der Wert der Herzfrequenzvariabilität sein sollte, kann man allerdings nicht genau sagen, denn es gibt keine Norm- oder Grenzwerte – alles ist individuell. Sie sollten Ihre HRV-Werte also stets nur in Vergleich zu Ihren bisherigen Werten stellen.

Was bringt die Herzfrequenzvariabilität fürs Laufen?

Nicht nur Mediziner haben die Aussagekraft der Herzratenvariabilität erkannt, auch Spitzensportler wissen Bescheid. Anhand der HRV-Messwerte kontrollieren sie unter anderem, wie gut ihr Training anschlägt. Und das können Sie auch.

Wenn Ihr Herz während des Trainings schneller schlägt, nimmt auch die Herzfrequenzvariabilität ab – das Herz schlägt jetzt sehr gleichmäßig. Auf Dauer jedoch senkt regelmäßiges moderates Ausdauertraining nicht nur den Ruhepuls – es steigert auch die HRV. Zwei- bis dreimal pro Woche je 30 bis 60 Minuten reichen dafür bereits aus.

„Eine hohe HRV bedeutet nicht automatisch, dass jemand zehn Kilometer in 30 Minuten läuft“, so Hottenrott. Also muss jeder zuerst seinen persönlichen HRV-­Bereich ermitteln, um dann von Tag zu Tag und Monat zu Monat zu beobachten, wie dieser Wert von den bis dahin gemessenen abweicht. Eine steigende Herzfrequenzvariabilität ist jedoch ein Anzeichen dafür, dass Sie fitter werden.

Wie funktioniert die Trainingssteuerung mit Herzfrequenzvariabilität?

Wenn Sie Ihren individuellen HRV-Bereich kennen, können Sie mithilfe der Herzratenvariabilität Ihr Training optimieren. Beispiel: Sie haben gestern hart trainiert und wollen wissen, ob Sie schon heute einen neuen Reiz setzen können oder lieber pausieren sollten. „An der Herzfrequenzvariabilität morgens nach dem Aufstehen lässt sich erkennen, ob die Nacht ausgereicht hat, um zu re­generieren, oder nicht“, so der Experte. Ein hoher Wert signalisiert: Sie sind erholt, heute ist Gasgeben angesagt. Ein niedriger Wert deutet darauf hin, dass Sie Ihren Körper durch zu hartes Training überlastet haben. Dieses Wissen ist wichtig, wenn Sie nachhaltig trainieren wollen.

Denn rund 30 Prozent aller Freizeitsportler überfordern sich, so das Ergebnis einer Studie Hottenrotts, für die er die Teilnehmer eines Rennradurlaubs untersuchte. Vor allem Ältere und Untrainierte könnten oft nicht gut einschätzen, was sie ihrem Körper zumuten können. „Sie gaben auf Nachfrage an, sie fühlten sich recht gut, dabei war ihre Herzfrequenzvariabilität teilweise deutlich herabgesetzt“, so Hottenrott. In dem Fall lautet die Empfehlung, einen Ruhetag einzulegen. Dadurch normalisiert sich die Herzratenvariabilität meistens wieder, der Körper ist bereit für neue Belastungen. Sind Sie nicht ausreichend erholt und setzen zu früh neue Trainingsreize, nimmt Ihre Leistungsfähigkeit ab. Wenn Sie Ihre Herzfrequenzvariabilität kennen, schützt Sie das jedoch nicht nur vor Übertraining. Richtig eingesetzt hilft Ihnen das Wissen, schneller ein neues Fitnesslevel zu erreichen. Anders gesagt: Wer nach seiner Herzfrequenzvariabilität stets regeneriert trainiert, erreicht noch schneller ein höheres Leistungsniveau.

Die Herzfrequenzvariabilität zeigt Ihr Stresslevel

Nicht nur Sport und Erholung wirken sich auf Ihre Leistungsfähigkeit und damit auf die Herzfrequenzvariabilität aus. Auch die Hast im Alltag, ein Streit mit dem Partner, Stress bei der Arbeit oder eine durchzechte Nacht haben Folgen für Ihre Gesamtverfassung. Also kann die Herzfrequenzvariabilität auch niedrig sein, wenn Sie gar nicht trainiert haben, sondern gerade in einer Stressphase stecken. Wie beim Sport hilft es auch dann, es etwas ruhiger angehen zu lassen. Hören Sie auf Ihr Herz – auch in den Pausen zwischen seinen Schlägen, wenn es zu schweigen scheint.

Wie misst man seine Herzfrequenzvariabilität?

Ein einfacher Test geht so: Legen Sie einen Pulsmesser an und setzen Sie sich ruhig hin. Wenn Sie nun eine Minute lang ganz ruhig und tief ein- und ausatmen (etwa sechs Atemzüge pro Minute), ändert sich die Herzfrequenz im Verlauf jedes Atemzugs: Bei jedem Ausatmen fällt sie ab, beim Einatmen steigt sie wieder an. Für einen gesunden Mann mit normalem Ruhepuls von 60 Schlägen in der Minute gilt: Ist die Herzratenvariabilität vergleichsweise niedrig, schwankt die Herzfrequenz um weniger als zehn Schläge, Sie hätten also zum Beispiel Pulswerte zwischen 55 und 65. Bei einer hohen Herzfrequenzvariabilität können die Pulswerte um mehr als 30 schwanken, dann lägen Ihre Pulswerte zwischen 45 und 75 Schlägen pro Minute. Da diese Methode sehr ungenau und nicht alltagstauglich ist, haben sich EKG-genaue Verfahren zur HRV-Messung durchgesetzt. Sie werten Ihre Daten sofort aus und bereiten sie zum besseren Verständnis optisch auf. Für den sportlichen Alltag stellen wir Ihnen hier drei Messverfahren vor.

Messmethoden und Messgeräte für die Herzfrequenzvariabilität

Das Wissen über die Herzratenvariabilitätbringt wenig, solange Sie Ihren Wert nicht kennen. Diese drei Messmethoden liefern Ihnen aber nicht nur ein paar Zahlen, sondern dazu gleich noch verlässliche Auswertungen Ihres Fitness-, Stress- und Erholungslevels. Alle Methoden funktionieren mit Hilfe eines sogenannten Abnehmers. Das heißt, Sie benötigen einen Ohr- oder Fingerclip beziehungsweise einen Brustgurt, um die Herzfrequenz und die Herzfrequenzvariabilität exakt zu messen. Achtung: Apps, die versprechen, allein mithilfe der ­Kamera am Smartphone Ihre Herzfrequenzvariabilität zu messen, können keine exakten Werte liefern. Wichtig ist, die Herzfrequenzvariabilität stets zur selben Tages­zeit und in der­ gleichen Körperhaltung zu messen. Beachten Sie darüber hinaus, dass Krankheit, Nikotin, Alkohol oder auch zu wenig Schlaf den Wert der Herzfrequenzvariabilität beeinflussen können.

Trainingsberatung: Vitalmonitor Pro von Pulse 7

Eine tägliche Messung am Morgen liefert die Basis. Der Bluetooth-Brustgurt „Vitalmonitor“ sendet die Daten an eine App, die verrät, wie erholt Sie sind, wie hoch Ihr Stresslevel ist, wie intensiv Sie trainieren sollten. Jeder Nutzer wird von einem Experten betreut, der die Ergebnisse interpretiert und Tipps zu Training und Regeneration gibt. So erklärt sich der recht hohe Preis von knapp 399 Euro.

Leistungsdiagnostik: Vantage V von Polar

Diese nagelneue Multisportuhr misst während des Trainings neben der Herzfrequenz auch die HRV. Am Ende der Trainingseinheit erhalten Sie eine Aussage darüber, wie sehr diese Sie belastet hat und wie lange Sie pausieren sollten. Außerdem können Sie den sogenannten orthostatischen Test durchführen, der nach vier Minuten Ihr Fitness- und Erholungslevel anzeigt. Mit Pulsgurt, der für die Messung der HRV nötig ist, kostet die Polar Vantage V 500 Euro. Auch die beliebte V800 von Polar bietet einen orthostatischen Test an.

Langzeitmessung: Lebensfeuer von Autonom Health

Sie wollen es ganz genau wissen? Leihen Sie einen Rekorder aus, der 24 Stunden lang Ihre Daten erfasst, während Sie ihn tragen. Die Ergebnisse laden Sie in ein Online-Ana­lyseportal und erhalten daraufhin eine detaillierte Auswertung von Leistungsdaten, biologischem Alter und Burn-out-Risiko. Vorteil der Methode: Die Messung läuft im Alltag. (Einmalmessung 36,90 Euro, Starterset 329 Euro, Abos ab ca. 16 Euro/Monat)

Fazit: Wer seine Herzfrequenzvariabilität kennt, kann sein Training individuell und effektiv steuern

  • Die Herzfrequenzvariabilität gibt die Variabilität Ihres Herzschlags an. Schaut man sich die großen Zacken im EKG an, sind die Abstände nicht immer genau gleich. Die Unterschiede der Abstände bemisst die Herzfrequenzvariabilität.
  • Je fitter und ausgeruhter man ist, desto unregelmäßiger ist der Herzschlag und desto höher die Herzratenvariabilität. Dem Körper fällt es leicht, schnell ein paar Gänge hoch- oder herunterzuschalten. Jetzt ist Zeit für forderndes Training.
  • Ist man nicht erholt oder gestresst, ist die Herzfrequenzvariabilität niedrig. Reduzieren Sie dann Stress und intensives Training.

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/// Links zum Thema Herzfrequenz)$$(link:e:https://www.runnersworld.de/training/effektiver-laufen-durch-pulskontrolle.279138.htmTraining nach Herzfrequenz – Effektiver laufen durch Pulskontrolle_self)$

/// $(link:e:https://www.runnersworld.de/training/die-maximale-herzfrequenz-ermitteln.62470.htmSo bestimmen Sie Ihre maximale Herzfrequenz HFmax_self)$

/// $(link:e:https://www.runnersworld.de/herzfrequenzrechnerHerzfrequenzrechner: Bestimmen Sie Ihre Pulsbereiche für die verschiedenen Trainingsintensitäten_self)$

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