Themen-Special
Lauf-Therapie
Der Job-Lauf-Coach Marcus Vogel

Laufen als Therapie (Teil 2 der Serie)

Serie: Laufen als Therapie (Teil 2) Der Job-Lauf-Coach

Torsten Schubert hilft Menschen heraus aus der Arbeitslosigkeit: ­nicht etwa durch trockenes Prüfen von Bewerbungsunterlagen, sondern durch gezieltes Lauftraining.

Und immer daran denken: Sie laufen nur so schnell, wie Sie sich wohlfühlen." Torsten Schubert steht vor einem langen Feldweg. Neben ihm rückt Anna (Name von der Redaktion geändert) ihre Laufjacke zurecht. "Bereit? Dann los!" Die junge Frau setzt sich in Bewegung, in der Hand ein buntes Hütchen. Nach 60 Sekunden ruft Torsten "Stopp!", und Anna stellt das Hütchen ab. "Ganz schön weit die Strecke, die man in einer Minute schafft, oder?", fragt Torsten, als seine Laufpartnerin zurückgetrabt kommt. Die dreht sich erstaunt um: "Das hat sich jetzt viel leichter angefühlt als letzte Woche." Torsten nickt. Ziel erreicht.

Der einzige Job- und Lauf-Coach Deutschlands

Kleine Fortschritte sichtbar machen, am eigenen Leib erfahren, was man schafft, wenn man einmal in Bewegung ist – beim Laufen, im Beruf und im Leben generell. Diese Lektion versucht Torsten hier zwischen genüsslich grasenden Schafen und raschelnden Bäumen zu vermitteln. Der 62-Jährige ist Lauftherapeut, genauer gesagt Job- und Lauf-Coach. In ganz Deutschland ist er der Einzige, der diese Kombination anbietet. Jeden Tag trifft er Menschen, die manchmal schon viele Jahre von Harz IV leben. Mit ihnen geht Torsten laufen und nach 10 bis 30 Stunden – je nachdem, wie viel das Arbeitsamt genehmigt – hat mehr als jeder Zweite von ihnen einen neuen Job in Aussicht oder eine passende Weiterbildungsmaßnahme gefunden.

Marcus Vogel
Torsten Schubert besucht seine Kunden häufig mit seinem mobilen Büro – einem acht Meter langen Wohnmobil.

Wie diese außergewöhnlich hohe Erfolgsquote zustande kommt, erzählt der passionierte Sportler in seinem mobilen Büro. Das acht Meter lange Wohnmobil begleitet ihn zu den meisten seiner Termine. "Es ist ein bisschen unaufgeräumt. Ich war mit meiner Frau gerade auf Rügen im Urlaub." Arbeit und Privatleben sind bei Torsten nicht so streng getrennt. Genau das könnte eins seiner Erfolgsrezepte sein.

Aber der Reihe nach: Torstens Coaching-Programm ist eine staatlich zertifizierte "Maßnahme zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung". Das bedeutet, Arbeitsämter können Arbeitsuchende – wie Anna – an ihn vermitteln. Die Ämter übernehmen alle Kosten. Das bedeutet für Torsten aber auch eine Menge bürokratischer Arbeit: Konzepte entwerfen, Prüfungskriterien einhalten, Fortschritte dokumentieren, Berichte schreiben: "Ein bisschen mehr als gemeinsam laufen ist es dann doch."

Berufliche Beratung, sportliche Herausforderung

Torstens Angebot besteht aus einem sportlichen und einem beruflichen Teil. Im beruflichen Teil analysiert er gemeinsam mit seinen Kunden, welche Voraussetzungen, Potenziale und Wünsche sie für einen Job mitbringen. Auf dieser Basis suchen sie im nächsten Schritt nach passenden Stellenausschreibungen oder Weiterbildungsmaßnahmen. Im sportlichen Teil schnüren beide die Laufschuhe. Ziel ist es, am Ende eine halbe Stunde am Stück laufen zu können.

"Natürlich könnte ich das alles am Schreibtisch besprechen. Aber draußen an der frischen Luft geht es viel besser."

Dank 20 Jahren Erfahrung im Lauf-Coaching schafft Torsten es, beide Teile unmerklich miteinander zu verknüpfen. Wie heute bei Anna: Sie steht noch ganz am Anfang ihrer 30 Coaching-Stunden, die sie als Arbeitslosengeld-II-Empfängerin vom Arbeitsamt genehmigt bekommen hat. Nach der Visualisierungsübung mit den Hütchen stehen siebenmal eine Minute Laufen und Gehen im Wechsel auf dem Programm. In den ausgedehnten Gehpausen fragt Torsten Anna nach ihrem Schulabschluss, danach, welche Lücken es in ihrem Lebenslauf gibt und was sie sich für ihre berufliche Zukunft vorstellt. Berufliche Anamnese und Lauftraining vermischen sich. "Natürlich könnte ich das alles auch am Schreibtisch besprechen", sagt Torsten. "Aber draußen an der frischen Luft geht es viel besser."

Marcus Vogel
Viele Themen lassen sich beim Laufen besser besprechen als am Schreibtisch .

Hinter Torstens Ansatz steckt ein wissenschaftlich erarbeitetes Konzept: das Paderborner Modell der Lauftherapie. Dabei werden Menschen Schritt für Schritt an das gesundheitsorientierte Laufen herangeführt – vor dem Hintergrund, dass durch das Lauftraining ein weiteres Ziel erreicht werden soll. In Annas Fall ist das der Schritt heraus aus der Arbeitslosigkeit. Diese Form der Lauftherapie kann aber auch auf Übergewicht, Burn-out und andere Stresssymptome angewendet werden – oder ganz simpel zu einem gesünderen, ausgeglicheneren Leben führen.

Hintergrund Lauf-Therapie

Was ist das Paderborner Modell?

Ein Grundstein für die Praxis der lauftherapeutischen Arbeit bildet das Paderborner Modell der Lauftherapie. Es wurde in den 1980er-Jahren von Prof. Dr. Alexander Weber konzipiert und entstand aus der Forschungsarbeit mit einigen Hundert Personen in Laufgruppen. Das Modell beschreibt, wie durch langsames, stressfreies Laufen wünschenswerte Nebeneffekte erzielt werden (etwa soziales Wohlempfinden und seelisch-geistige Gesundheit). Das übergeordnete Ziel der Lauftherapie ist die allgemeine Gesundheitsförderung der Kursteilnehmer. Im Gegensatz zu klassischen Formen des Lauftrainings spielt die Leistungssteigerung kaum eine Rolle. Lauftherapeuten arbeiten meistens mit Kleingruppen (siehe Heft 11/2020), bisweilen aber auch mit Einzelpersonen, wie im Fall von Torsten Schubert. Wie bei jeder therapeutischen Arbeit hängt der Erfolg entscheidend an der persönlichen Beziehung zwischen Klient und Therapeut.

Torsten erklärt das für seine Zielgruppe so: "Wer lange arbeitslos ist, hat vielleicht schon Hunderte Bewerbungen geschrieben, war bei vielen Gesprächen und ist verzweifelt, weil nichts klappen will. Das große Ziel – ein neuer Job – erscheint wie eine unerreichbare Stufe. Mithilfe des Laufens bauen wir gemeinsam eine kleine Treppe, die dabei hilft, die große Stufe zu erklimmen." Kein Sport sei besser dafür geeignet als das Laufen. Man braucht wenig Ausrüstung, kann es überall machen und fast jeder ist dazu in der Lage. Hinzu kommt die steile Fortschrittskurve: "Wer als Anfänger zu laufen beginnt, sieht schnell Fortschritte: die Strecke, die man plötzlich ohne Anstrengung in einer Minute schafft, die ersten zehn Minuten Laufen am Stück, die erste Viertelstunde. Das motiviert." Für Torstens Ansatz ist das ideal, denn dieses Element des schrittweisen Vorankommens kann er parallel auf die Suche nach einem neuen Job übertragen. Etwa sieben Kunden betreut er nach diesem Prinzip pro Woche. Vom Schulabgänger bis zum mehrfach Promovierten, der plötzlich vor der Kündigung stand, ist alles dabei.

Marcus Vogel
Jeder Kunde bekommt ergänzende Übungen zum Dehnen und für die Koordination .

Auch Torstens eigene Berufsentwicklung zum Lauftherapeuten war kein gerader Weg. Fachlich kommt er aus einer ganz anderen Ecke: "Ich bin lange als Wirtschaftskorrespondent für verschiedene Medien um die Welt geflogen", erzählt er schmunzelnd. Heute ist er froh, seine Tage nicht mehr am Schreibtisch oder auf Geschäftsreisen verbringen zu müssen. "Mit meinen Kollegen bin ich damals oft in den Pausen laufen gegangen, und dabei haben wir auch Jobthemen besprochen", beschreibt er den Weg zur Idee, Laufen und Job-Coaching zu verbinden. "Irgendwann dachte ich mir: Das muss man doch irgendwie institutionalisieren können. Und dann bin ich auf das Deutsche Lauftherapiezentrum aufmerksam geworden." Dort hat er sich berufsbegleitend zu seinem Hauptjob zum Lauftherapeuten ausbilden lassen.

"Laufen ist wie eine Treppe, die dabei hilft, die großen Stufen zu erklimmen."

Seit 2011 ist Torstens Job-Lauf-Coaching-Programm staatlich zertifiziert, seitdem arbeitet er als Lauftherapeut. Während für viele andere seiner Zunft die Arbeit nicht mehr als ein spärlich bezahltes Hobby ist, könnte Torsten mittlerweile vom Coaching leben. "Ich mache das, weil es mir viel Spaß bringt, jeden Tag mit ganz verschiedenen Menschen laufen zu gehen." Und die Arbeit hat noch einen weiteren Vorteil: "Ich muss mir um mein eigenes Grundlagentraining nie Gedanken machen." Denn Torsten läuft auch privat nach wie vor begeistert. In seiner Freizeit dürfen es dann auch gern mal etwas flottere und ausgedehntere Runden mit Lauffreunden sein. Einige von ihnen hat er über das Coaching kennengelernt. "Für viele bleibe ich auch nach dem Ende der Maßnahme, wenn die Person lange wieder in einem Job arbeitet, ein Ratgeber in Sachen Laufen."

Marcus Vogel
Seit seinem 28. Lebensjahr ist Torsten Läufer und nimmt nach wie vor an Wettkämpfen teil.

Und welchen Rat kann einer, der tagtäglich mit beruflichen Krisen zu tun hat, jemandem geben, der vielleicht gerade selbst in einer beruflichen Krise steckt oder bedingt durch Corona vor einer unsicheren Perspektive steht? "Wer berufliche Sorgen hat, verkrampft schnell vor Zukunftsangst und finanzieller Panik", sagt der Coach. "Der erste Schritt, um aus dieser Lage herauszukommen, ist, diese Verkrampfung zu lösen. Und Laufen ist da ein wunderbares Mittel, um den Kopf frei zu machen: rausgehen, langsam im Wohlfühltempo laufen, Steine zählen, Bäume angucken, Natur genießen. Und plötzlich ergeben sich Lösungen von allein. Dann kommt eine Idee, was man machen könnte, und dann noch eine. Anschließend muss man diese Ideen natürlich auch umsetzen, aber das Laufen ganz befreit vom Leistungsdruck kann eine tolle Hilfe auf dem Weg dorthin sein."

Zur Startseite
Mehr zum Thema Lauf-Therapie
ARION
Laufzubehör
Podcast
Laufen zur Entspannung
Basiswissen
Franz-Paul Bock wurde durch eine Alkoholtherapie zum Läufer. Heute arbeitet er selbst als Therapeut.
Mentales
Mehr anzeigen