Wichtig bei Verdacht auf eine Beinlängendifferenz ist eine ausführliche und eingehende Anamnese und Befunderhebung durch einen Physiotherapeute iStockphoto

Unterschiedliche Beinlänge Schmerzen durch Beinlängendifferenz

Unterschiedlich lange Beine können zu unangenehmen Schmerzen in Hüfte, Knien und Rücken führen. Wir erklären, was dagegen hilft.

Immer häufiger fallen in Verbindung mit Rückenschmerzen, Knieschmerzen, Hüftschmerzen, Schmerzen im Sprunggelenk und sogar Kieferschmerzen die Stichworte "Beinlängendifferenz" und "Beckenschiefstand". Was genau bedeutet es eigentlich, unterschiedlich lange Beine oder ein schief stehendes Becken zu haben? Und braucht jeder Läufer mit dieser Diagnose unbedingt Schuheinlagen? Wir klären auf.

Anatomische und funktionelle Beinlängendifferenz: der Unterschied

Eine Beinlängendifferenz heißt erst einmal nichts anderes als: unterschiedlich lange Beine. In der Medizin unterscheidet man zwei Arten von Beinlängendifferenzen: die anatomische oder reelle Beinlängendifferenz und die funktionelle Beinlängendifferenz. Während bei einer anatomischen oder reellen Beinlängendifferenz tatsächlich ein messbarer Unterschied zwischen dem knöchernen rechten und linken Bein besteht, lässt sich bei einer funktionellen (oder physiologischen) Beinlängendifferenz keine knöchern bedingte Längendifferenz feststellen.

Beide Formen der Beinlängendifferenz führen in den meisten Fällen jedoch zu einem schief stehenden Becken, dem sogenannten Beckenschiefstand. Diesen erkennt man daran, dass die rechte und linke Beckenschaufel (da, wo man die Hände in die Hüften stemmt) oder die Iliosakralgelenke (Kreuzdarmbeingelenke) unterschiedlich hoch sind. Die Iliosakralgelenke erkennt man an den beiden kleinen Mulden am unteren Rücken kurz über dem Kreuzbein.

Woran erkennt man eine Beinlängendifferenz?

Egal, ob funktionell oder anatomisch bedingt unterschiedlich lange Beine: eine Beinverkürzung sollte zunächst zweifelsfrei objektiviert werden. "Das gelingt mithilfe einer Röntgenaufnahme des Beckens im Stehen unter gleichmäßiger Belastung beider Beine", so Dr. Wessinghage. Mithilfe des Röntgenbildes kann eine anatomische Beinlängendifferenz bestätigt oder ausgeschlossen werden.

Eine funktionelle Beinlängendifferenz schwer bis gar nicht objektivierbar. Messungen mit dem Maßband zwischen Hüftknochen und Sprunggelenk weisen eine hohe Fehlerquote auf. Wichtig bei Verdacht auf eine Beinlängendifferenz ist deshalb eine ausführliche und eingehende Anamnese und Befunderhebung durch einen Physiotherapeuten. Dabei sollten Kopfhaltung, Wirbelsäule, Beckenbeweglichkeit, Hüftbeweglichkeit, Kraft der großen Muskelgruppen, Funktion der Kniegelenke und Sprunggelenke sowie eine genaue Schmerzbeschreibung des Patienten berücksichtigt werden. Oft fallen bei genauer Begutachtung des entkleideten Sportlers eine unterschiedliche Beinachse (O-Beine, X-Beine, Rotationsbewegungen) oder eine seitliche Verschiebung der Wirbelsäule auf.

Wichtig: Nicht jede Beinlängendifferenz ist per se etwas Schlechtes! Häufig sucht sich der Körper gerade bei Sportlern Wege zur Kompensation von muskulären oder Haltungsschwächen, die nicht zwingend zu Schmerzen oder anderen Symptomen führen.

Wann sind bei einer Beinlängendifferenz Einlagen notwendig?

"Eine einseitige anatomische Beinverkürzung ist nicht selten und sollte ab einer Differenz von 1,5 Zentimeter in jedem Falle korrigiert werden. Falls die Beine jedoch gleich lang sind, die Beckenkämme sich aber auf unterschiedlichem Niveau befinden, liegt vermutlich eine Beckentorsion(-verwringung) vor. In einem solchen Fall ist nicht der Längenausgleich eines Beines mithilfe einer orthopädischen Einlage oder Schuherhöhung die korrekte Behandlungsmaßnahme, sondern eine physiotherapeutische Behandlung, bei der das Becken dreidimensional wieder „ins Lot“ gebracht wird.", erklärt Dr. Wessinghage.

Was sind die Ursachen eines Beckenschiefstandes?

Ursachen einer Beckentorsion und eines Beckenschiefstandes sind in der Regel Muskelungleichgewichte, zum Beispiel bei einer einseitigen Bewegungseinschränkung eines oder mehrerer Beckenmuskeln. Durch den asymmetrischen Muskelzug verändert das Becken (stellen Sie sich eine offene Papierschachtel vor) seine Form. Das führt zu Fehlbelastungen an Muskelansätzen, im Bandapparat und auch an den Dehnungsfugen des Beckens, den Iliosakralgelenken. Daraus entstehen Schmerzen, die ihrerseits weitere Ausweichbewegungen und Fehlbelastungen zur Folge haben. Insofern ist eine sorgfältige Diagnostik die Voraussetzung für die Behandlung, die Sie im beschriebenen Fall nach Erlernen der nötigen Übungen übrigens auch in Eigenregie durchführen können.

Ein Beckenschiefstand oder eine augenscheinliche Beinlängendifferenz können auch durch eine Skoliose der Wirbelsäule entstehen. Dabei handelt es sich um eine seitliche oder in sich gedrehte Verkrümmung der Wirbelsäule. Zu klären wäre bei bestehender Skoliose, ob die Krümmungsveränderung der Wirbelsäule eine Folge der unterschiedlichen Beinlänge oder die Ursache ist.

Wie werden eine Beinlängendifferenz und ein Beckenschiefstand behandelt?

Nach einer ausführlichen Befundung durch den Physiotherapeuten erhalten Sie ein Eigenübungsprogramm, das folgende Ziele verfolgt:

  • Kräftigung der im Seitenvergleich schwächeren Wadenmuskulatur
  • Kräftigung der im Seitenvergleich schwächeren Gesäßmuskulatur
  • Kräftigung der im Seitenvergleich schwächeren Bauchmuskulatur
  • Mobilisation der in der Bewegung eingeschränkten Wirbelsäulenmuskulatur
  • Mobilisation der vorderen Oberschenkelmuskulatur
  • Mobilisation der Brustwirbelsäule
  • Stabilisation oder Mobilisation der Lendenwirbelsäule
  • Mobilisation und Kräftigung der Spunggelenke
  • ggf. Anpassung von sensomotorischen Schuheinlagen in Zusammenarbeit mit einem Orthopädiemechaniker oder Einlagenspezialisten

Welche Übungen helfen bei Beinlängendifferenz und Beckenschiefstand?

Generell sollten sich Läufer mit bekanntem Beckenschiefstand vor ihren Trainingseinheiten und Wettkämpfen durch Mobilisationsübungen gezielt aufwärmen, um den Körper vor der Trainingsbelastung "ins Lot" zu bringen. So können einseitige Fehlbelastungen und damit Schmerzen durch Überlastung langfristig minimiert werden.

Eine gezielte Mobilisation und Kräftigung der Hüftgelenke und des Rumpfes entlastet die darüber und darunter liegenden Gelenke. Durch Übungen wie den Fersenheber mobilisieren Sie Ihre Sprunggelenke und vermindern die Aufprallkräfte beim Laufen.

Geeignete Athletikübungen bei unterschiedlich starker Bauchmuskulatur oder Hüftmuskulatur sind folgende:

Krafttraining & Stretching
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