Themen-Special
Trailrunning
Dan Patitucci

Nachhaltig reisen Im Einklang mit der Natur

Umweltbewusst reisen. Das ist das Prinzip von Autorin Kim und Fotograf Dan, die in und mit den Bergen leben.

Umweltbewusstsein ist das Gebot der Stunde. Wir alle sind gefordert, unseren ökologischen Fußabdruck auf diesem Planeten zu reduzieren. Ein wichtiger Punkt: das Reisen. Nicht so oft und nicht so weit, ist die Devise, seltener, dafür bewusster, lieber zu Fuß als motorisiert. Autorin Kim und Fotograf Dan leben das Prinzip seit jeher. Sie wohnen in und mit den Bergen und öffnen uns mit ihren Reportagen die Augen für die schützenswerte Schönheit der Natur.

Es gab keine Paradetour für Bergläufe – also schufen sie die Tour selbst

Die Berge sind unsere Leidenschaft – schon seit vielen Jahren. Durch unsere Arbeit für Magazine, Outdoor-Herstel­ler und Touristikunternehmen sind wir viel herumgekommen und haben die faszinierendsten Gebirge der Welt kennengelernt. Wir, also meine Freunde und Partner Dan und Janine Patitucci und ich, sind Trails in Patago­nien, Island, Nepal, der Sierra Nevada, den Rocky Mountains und den Dolomiten abgelaufen. Doch nach all den Jahren kamen wir zu dem Schluss, dass die schönsten Routen doch direkt vor unserer Haustür liegen, hier bei uns im Wallis.

Anders als in den USA, in Patagonien oder den Dolomiten gab es in den Schweizer Alpen bisher aber keine mehrtägige Paradetour für Bergläufer. Solche Touren von Hütte zu Hütte, die mehrere Gipfel miteinander verbinden, sind die intensivste Möglichkeit, die Welt der Berge zu Fuß zu erleben. Für Wanderer gibt es gleich mehrere, etwa die Tour du Mont Blanc (TMB), und für Skitouren-Geher die Haute Route von Chamonix nach Zermatt. So etwas wünschten wir uns auch für Bergläufer und beschlossen, diese Tour selbst zu schaffen – die perfekte Mehrtagestour durchs Wallis.

Doch die Frage lautete: Wo sollte die Strecke verlaufen, wo beginnen, wo enden? Das Wallis bietet viele atemberaubende Aussichten und erstaunliche Einblicke in die Bergwelt. An jeder Ecke dieser Region wartet ein traumhaftes Panorama. Aber wie macht man aus all diesen tollen Stellen eine zusammenhängende Route? Unsere Lösung bestand darin, mehrere unserer Lieblings-Trails, die besonders tolle Aussichten bieten, miteinander zu verbinden.

Wochenlang steckten wir die Köpfe zusammen, studierten Karten, malten rote Linien darauf, erkundeten Täler und Berge, testeten Schwierigkeitsgrade, stoppten Zeiten und suchten nach Übernachtungsmöglichkeiten. Immerhin wussten wir von Anfang an, wie die Strecke enden sollte – nämlich mit einer Ehrenrunde am Fuß des Matterhorns auf einem traumhaften Singletrail um Zermatt. Aber wo sollte es losgehen? Nach ausführlicher Wegplanung und vielen Erkundungsläufen zur Suche nach möglichen Verbindungen für feststehende Teilstücke hatten wir am Ende eine zusammenhängende Route gefunden.

Ein Ziel der Streckenfindung war, zu starke Übereinstimmungen mit der Haute Route zu vermeiden, die ebenfalls in Zermatt endet. Die Via Valais, wie wir unsere Tour nannten, sollte einen eigenen Charakter bekommen – und gut laufbar sein. Während die Haute Route meist auf einer Talseite steil den Berg hinunter- und auf der anderen ebenso geradlinig wieder hinaufführt, wollten wir der Kontur der Landschaft folgen und auf vorhandenen Pfaden entlang der Täler traversieren, anstatt querfeldein zu laufen. Das ist ja der Vorteil des Laufens: Man kommt zügig voran und freut sich über jeden „Umweg“ ins Tal hinein und auf der anderen Seite wieder hinaus.

Kartoffeln, die in geschmolzenen Käse getaucht werden – mehr braucht man nicht zum Essen

Wenn man einen neuen Weg sucht und ihn dann öffentlich machen will, muss man ihn vorher natürlich mindestens einmal probelaufen. Und so stiegen wir Anfang September letzten Jahres in Vercorin, einem wenig bekannten Feriendorf im Wallis, in die Gondel und fuhren hinauf auf den Crêt du Midi. Oben an der Bergstation angekommen, liefen wir los – und beendeten die 26 Kilometer lange erste Etappe planmäßig in der Cabane de Moiry, einer schönen Berghütte auf einem 2800 Meter hoch gelegenen Felsvorsprung oberhalb von Zinal.

Am nächsten Morgen bestiegen wir zusammen einen Bonusgipfel der Tour, den Pigne de la Lé, den man über einen felsigen 600-Meter-Aufstieg erreicht. Wir machten uns früh auf den Weg, um zu sehen, wie der Sonnenaufgang die Spitze des Matterhorns anstrahlt. Zurück fuhren wir durch Moiry weiter nach Zinal. Über die Weite des türkisfarbenen Lac de Moiry liefen wir von einem Tal zum nächsten, auch in den hinteren Teil des Val d’Aniviers (Eifischtal) mit Blick auf Zinalrothorn, Weißhorn und Dent Blanche – nur einige der umliegenden Viertausender, die bedrohlich über ihren vereisten Gletschern in den Himmel ragen.

Nach dem Abstieg ins Tal folgten wir dem Fluss bis in die Stadt Zinal, Ziel des legendären Trailrennens Sierre–Zinal. Am nächsten Tag überquerten wir den Röstigraben, die symbolische Grenze zwischen der französisch- und der deutschsprachigen Schweiz. Ein Val heißt hier Tal, aus dem Lac wird der See, aus dem Valais das Wallis. Aber Kartoffeln, die in geschmolzenen Käse getaucht werden, sind immer noch alles, was man zum Essen braucht.

Kernstück der von uns ersonnenen Tour ist das Schöllijoch, ein steiler Abstieg mit Seilen und Leitern, um auf den Gletscher zu kommen. Der Gletscher ist klein, besteht aus altem Eis und hat keine Spalten. Was diese Etappe, die härteste der Via Valais, wirklich abenteuerlich macht, ist der Abstieg über den Pass, um auf den Gletscher zu gelangen. Aber bevor wir das Schöllijoch hinunterstiegen, wollten wir noch den Sonnenaufgang auf dem Barrhorn erleben. Der höchste Wandergipfel Europas erforderte von hier nur einen kurzen Umweg.

„Ihr werdet euch nicht ans Ausschlafen erinnern, wenn wir wieder zu Hause sind, sondern an die Gipfel im Sonnenaufgang“, sagte Dan, als er uns aus unseren bequemen Schlafsäcken scheuchte. Diesen Satz hörten wir nicht zum ersten Mal. Dans schriller Wecker riss uns jeden Morgen aus dem Schlaf. Er hatte weder einen Ausschalter noch eine Schlummertaste. Fies!

Doch fürs frühe Aufstehen wurden wir nach einstündigem Anstieg mit einem atemberaubenden Sonnenaufgang auf dem Barr­horn belohnt. Danach liefen wir auf losem Geröll wieder herunter, um das Schöllijoch und das nächste Tal zu erreichen. Nach dem Hochpass trennten uns von Randa noch eine lange Traverse und ein Abstieg mit 2000 Metern Höhendifferenz. Frei von Seilen, Leitern und Gletschern liefen wir den Downhill hinab – zwischen schneebedeckten Gipfeln und dem grünen Mattertal. Blaubeersträucher zierten den gesamten Trail, den wir nur mit einigen Schafen teilen mussten. Wieder waren wir tief ergriffen von der Schönheit der Natur.

Im Zickzack führte der Weg schließlich ins Tal. Wir wuschen unsere strapazierten Füße und Socken im Stadtbrunnen. Hier angekommen, waren wir nur noch zehn ­Kilometer Luftlinie von Zermatt entfernt. Aber die Via Valais nimmt nie den direktesten, sondern immer den schönsten Weg ins Ziel. Und so lagen noch zwei weitere Tage malerischster Trails vor uns.

Nach sechs Tagen Sonnenschein und perfekten Trails das Ende der Tour

Am nächsten Morgen führte ein steiler Aufstieg aus dem Tal zur Charles Kuonen Hängebrücke, der mit 494 Metern längsten Seilbrücke der Welt. Von dort aus ist der Weg, verglichen mit den Höhenmetern der vergangenen Tage, technisch nicht mehr so anspruchsvoll. Die Etappe ist aber trotzdem eine der härtesten im Anstieg.

Nach dem ersten Anstieg zum Europaweg, dem Höhenweg, der die Städte Grächen und Zermatt verbindet, fanden wir auch hier einen laufbaren Trail. Vom Euro­paweg zum Matterhorn-Panoramaweg gehört der zweitägige, gut laufbare Trail über Zermatt, der bei vielen Naturkennern als schönste Zwei-Tages-Tour der Welt gilt, jetzt zur Via Valais. Als wir auch den letzten Abstieg hinuntergelaufen waren, erreichten wir die Hauptstraße der Stadt.

Nach sechs Tagen Sonnenschein und perfekten Trails waren wir am Ende unserer Tour. Doch gerade weil es so schön war, hatten wir noch nicht genug. Kurzerhand beschlossen wir, den Startpunkt von Vercorin nach Verbier zu verlegen, einem Bergdorf, das für sein steiles Skigebiet bekannt ist. Das würde die Via Valais um einige Etappen erweitern und sie noch besser machen. Mit schweren Beinen nahmen wir sofort den Zug von Zermatt nach Verbier und liefen ohne Pause gleich wieder los.

Es war schon spät im Jahr. Nach und nach schlossen die Hütten und schon bald waren die Höhenwege und wichtige Brücken mit Schnee bedeckt. Plötzlich setzte uns wechselndes Wetter unter erheblichen Zeitdruck. Wir liefen ein vielversprechendes neues Stück von Verbier aus, aber dort gab es eine Passage, die wir einfach nicht bewältigen konnten. Müde und ratlos beschlossen wir schließlich, dass wir den Anfang der Route neu konstruieren und dann würden wiederkehren müssen.

Es war bereits Oktober, als wir uns erneut an den Start wagten. Wir liefen einen anderen, felsigen Abstieg vom Col de Louvie hinunter, suchten einen neuen Weg zur Staumauer Grande Dixence, mit 285 Metern das höchste Bauwerk der Schweiz. Dabei durchliefen wir das dramatische Val d’Hérens (Eringertal), ein weiteres Rhone-Seitental. Allmählich nahmen die Etappen eins, zwei und drei Gestalt an.

Nach einem 1600 Meter langen Aufstieg aus dem Dorf Evolène standen wir schließlich auf frostbedecktem Boden auf der schattigen Seite des Pas de Lovégno. Wie eine Entdeckerin, mit einer schattenspendenden Hand an der Stirn, schaute Ja­nine vom Pass aus auf die andere Seite und fragte triumphierend: „Weißt du, was da drüben liegt? Wir haben den Weg gefunden. Es funktioniert!“ Damit war die Via Valais, der Weg durchs Wallis, nun komplett. Herausgekommen ist eine Tour mit neun Etappen, schönen Übernachtungsmöglich­keiten, 14 000 Höhenmetern sowie einer Gesamtlänge von 225 Kilometern. Sie führt durch neun Walliser Täler, vorbei an mehreren Viertausendern, entlang von Gletschern und über alpine Pässe. Für alle, die noch höher hinaus wollen, haben wir mehrere optionale Gipfelbesteigungen eingebaut, für Genussläufer die Möglichkeit, auf sechs Tage zu verkürzen oder einzelne Etappen aufzuteilen. Es ist wirklich die große Alpenüberquerung für Trailläufer geworden. Und sie ist gut, verdammt gut, behaupten wir mal ganz selbstbewusst.

Via Valais: Die Route

Über 9 Etappen mit durchschnittlich 24 Kilometern pro Tag, verbindet die Via Valais zwei der bekanntesten Berg­orte der Schweiz: Verbier und Zermatt. Die Route ist nicht ausgeschildert, daher ist es sehr wichtig, eine Karte mit der Route oder GPX-Strecken dabeizuhaben. Da jede Etappe entweder hoch oben auf dem Trail an einer Berghütte endet oder indem Sie in eine nahe gelegene Stadt fahren, ist es möglich, die mehrtägige Tour mit wenig Gepäck anzutreten.

Alle Infos zum Traillaufen der Via Valais (Logistik, Karten, Ausrüstung, Reise, Training): elevation.alpsinsight.com/via-valais/.

Etappen: Verbier nach Zermatt, 225 km, 14 000 m+

  • Etappe 1 Verbier nach Cabane d’Essertze
    29 km, 1119 m+/1113 m-
  • Etappe 2 Cabane d’Essertze nach Cabane Aiguille Rouge
    30 km, 1783 m+/1178 m-
  • Etappe 3 Cabane Aiguille Rouge nach Cabane Becs de Bosson
    25 km, 2220 m+/2052 m-
  • Etappe 4 Cabane Becs de Bosson nach Cabane de Moiry
    17 km, 868 m+/1025 m-
  • Etappe 5 Cabane de Moiry nach Zinal
    24 km, 1064 m+/2215 m-
  • Etappe 6 Zinal nach Turtmann­hütte
    19 km, 1687 m+/841 m-
  • Etappe 7 Turtmannhütte nach Randa
    18 km, 1376 m+/2453 m-
  • Etappe 8 Randa nach Mountain Lodge Ze Seewjinu
    25 km, 2025 m+/1171m-
  • Etappe 9 Mountain Lodge Ze ­Seewjinu nach ­Zermatt
    27 km, 1254 m+/1942 m-
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