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Laufmarke Joe Nimble
Sebastian Bär Jürgen Altmann

Wanderer zwischen zwei Welten: Joe Nimble

Joe Nimble Wanderer zwischen zwei Welten

In der Bär-Manufaktur in Bietigheim-Bissingen wird noch die ehrwürdige ­schwäbische Schuhmachertradition gepflegt. Wie sich das altbewährte Handwerk mit den Möglichkeiten hochmoderner Technologie auf ein neues Level heben lässt, wird an der Marke Joe Nimble deutlich, die Sebas­tian Bär, einer der zwei ­Söhne des Firmen­gründers, gerade aufbaut.​

Als ich das erste Mal die Büros von Joe Nimble betrete, komme ich mir vor wie in einem hippen Fitnessstudio. Neben der Eingangstür hängt eine Sprossenwand, eine etwa fünf Meter lange Slackline ist diagonal durch den Raum gespannt, dahinter steht ein Profi-Laufband. Auf dem Boden liegen eine Hantelstange, eine Fußmessplatte sowie etliche Fitness-Tools, weiter hinten im Raum steht ein Tischkicker. „Wir sind vor zwei Jahren eingezogen“, erzählt Sebastian Bär (Foto oben), der 47-jährige Gründer und, nun ja, Chef der Firma. Das Wort wird hier nicht so gern gehört, man legt Wert auf den Teamgeist. „Aber Sebastian ist schon der, der alles weiß, und natürlich kennt er die Produkte wie kein anderer“, erklärt Amelie, die seit einem Jahr zum Team gehört. „Ohne uns wäre er aber in vielen Dingen aufgeschmissen.“

Büro und zugleich Werkstatt von Sebastian Bär
Jürgen Altmann
Sebastian Bär an seinem Schreibtisch, der zugleich Werkbank ist: Leisten, Materialien und Proben sind immer griffbereit.

Kurz zuvor hat Amelie ein Fotoshooting der neuen Kinderschuhkollektion auf den Weg gebracht, sich um die Abzieh-Tattoos gekümmert, die in die Kartons gelegt werden, und mit einem Dienstleister die Optimierung des Online-Bestellsystems besprochen. Es ist gerade viel los bei Joe Nimble, man merkt, dass die Marke im Aufbruch ist. Themen werden angeschoben, Konzepte angedacht, Produktionsorte gesucht.

Das Team bespricht die Farbkombinationen für die nächste Kollektion. Das Design ist essenziell für das Selbst­verständnis der Marke.
Jürgen Altmann
Das Team bespricht die Farbkombinationen für die nächste Kollektion. Das Design ist essenziell für das Selbst­verständnis der Marke.

Der Ursprung: Die traditionelle Bär-Manufaktur

Joe Nimble ist die jüngste Tochterfirma der Bär-Manufaktur, die Sebastians Vater Christian Bär 1982 gegründet hat. „Er war ein totaler Quereinsteiger. Heute würde man das als Start-up bezeichnen“, erzählt Sebastian. „Mein Vater war viel unterwegs und ärgerte sich, dass er keine Schuhe fand, die ihn nicht an den Zehen drückten.“ Also ließ er sich aus Holz einen ei­ge­nen Leisten fertigen. Dieser diente dann als Grundlage für die ersten Prototypen der heute sehr erfolgreich im Markt vertriebenen Bär-Modelle: auf Zehenfreiheit ausgelegte Alltagsschuhe, oft mit Lederschaft, die sich an eine eher, nun ja, kon­servative Klientel richten.

Schuhmachermeister Rafael Mora Garcia
Jürgen Altmann
Ein Schuster bleibt bei seinem Leisten: Schuhmachermeister Rafael Mora Garcia arbeitet seit mehr als 20 Jahren bei Bär

Von der Pike auf in der Schuh-Branche

„Ich wusste, dass wir mit unserem Know-how auch Laufschuhe entwickeln können“, sagt Sebastian. „Und ich hatte Ideen, ich wollte etwas machen, merkte aber, dass das in den Strukturen der bestehenden Firma nicht ging.“ Also gründete er 2011 Joe Nimble. In moderner Wirtschaftssprache würde man vielleicht von einem disruptiven Ansatz sprechen. Aber man muss die Vorgeschichte kennen: Sebastian erzählt mit leuchtenden Augen, wie ihn sein Vater schon als Teenie mit auf Messen nahm und er von der Pike auf in die Branche hineinwuchs.

Die Bär-Manu­faktur war eine Erfolgsgeschichte. In den 1980er-Jahren, als immer mehr klassische Lederschuhhersteller in Deutschland pleitegingen, weil die Konkurrenz aus Italien und Fernost zu groß wurde, eroberten die Bär-Modelle eine Marktnische. Der breiter geschnittene Leisten, die natürliche Zehenfreiheit und der Null-Absatz (damals sprach man noch nicht von Sprengung) waren Ansätze, die es im Schuhmarkt in dieser Kombination noch nicht gab. Der Erfolg ließ dann auch nicht lange auf sich warten. Der Bär brummte, im In- wie im Ausland.

Altes Fachbuch von 1791 mit Abbildung zur Leistengeometrie
Jürgen Altmann
Die asymmetrische Leistenform, das Kennzeichen von Joe Nimble, sorgt dafür, dass der große Zeh ganz natürlich als Anker und Stabilisator agieren kann. Auf diese Erkenntnis stieß Sebastian Bär auch in einem Fachbuch von 1791: „Darin wird fachlich das beschrieben, was wir heute umsetzen.“

Bereits 1995 wurden ei­gene Marken-Stores eröffnet, auch in Ländern wie Japan kamen die Schuhe made in Ger­many gut an. Christian Bär rettete den kurz vor der Pleite stehenden Produktions­standort auf der Schwäbischen Alb und damit auch die Arbeitsplätze und das handwerkliche Know-how sowie die Erfahrung der angestellten Arbeiter. Sebastian Bär kam Mitte der 1990er-­Jahre in die Manufaktur. „Mein Vater hat nie Druck auf mich ausgeübt. Damals brauchten sie Unterstützung im Vertrieb, später auch im Marketing.“

Schuhmacher Rafael Mora Garcia vor einem Regal mit Leisten
Jürgen Altmann
In der Werkstatt der Bär-Manufaktur wird noch viel von Hand gearbeitet. Rafael Mora Garcia (rechts) ist seit 45 Jahren im Schuhmacherhandwerk tätig.

Cross-Country-Siege in "komischen Schuhen"

Sebas­tian ­hatte Internationales Marketing studiert, zuvor war er zwei Jahre auf der Highschool in Orlando in Florida und dort ein sehr erfolgreicher Cross-Country-Läufer gewesen. „Zunächst hat man mich belächelt, weil ich in Bär-Schuhen aus weißem Leder antrat, die mein Vater mir angefertigt hatte. Aber als ich dann fast jedes Rennen gewann, wollten auf einmal alle wissen, was denn das für komische Schuhe seien.“ Sebas­tian kriegt glänzende Augen, wenn er von seiner Zeit in Florida erzählt, auch wenn sich Bär in den USA nicht durchsetzen konnte: „Die wollten alle in Nikes laufen.“

In Bietigheim-Bissingen hilft Sebas­tian dann zunächst, den Bär-Vertrieb auszubauen, das Wissen aus seinem Studium kommt ihm dabei zugute. Er sammelt Erfahrungen und reist oft ins Ausland, schließlich auch nach Japan. „Eigentlich sollten es zwei Monate sein, in denen ich unsere Tochterfirmen dort im Vertriebsaufbau unterstützen sollte.“ Aber es kam anders. Kurzfristig musste ein neuer Geschäftspartner gefunden werden. „So wurden aus zwei Monaten drei Jahre, in denen ich den Vertrieb da aufgebaut habe.“ Sebastian lernte dort auch die Sprache – und seine Frau kennen, eine Chinesin, die er auf Hawaii heiratete. Heute leben sie mit ihren zwei Kindern in Ludwigsburg.

„Die Erfahrung im Umgang mit japanischen Geschäftspartnern möchte ich heute nicht mehr missen“, sagt Sebastian. Derzeit gibt es Verhandlungen mit einem japanischen Vertrieb, der Joe-Nimble-Schuhe in Japan verkaufen will. „Die Japaner haben einen Sinn für unsere Functional-Footwear-Philosophie“, ist sich Sebastian Bär sicher. Heute ist er gemeinsam mit seinem Bruder Christian, der sich um die geschäftlichen Geschicke von Bär-Produkten kümmert, Geschäftsführer der Bär-Manufaktur. Sebastian kann sich nun auf höchster Ebene seinem Ziel widmen, „unseren Fokus auf Functional Footwear auch für Läufer zugänglich zu machen“.

Joe Nimble als innovative Sport-Tochter

Joe Nimble ist sein Versuch, die technische Kompetenz der Bär-Manufaktur mit den neuesten Inno­vationen aus der Laufschuhtechno­logie zu vereinen. Aber es war wie so oft bei erfolgreichen Unternehmen: Die neuen Ideen weckten erst mal Argwohn. „Ich bin das auch ungeschickt angegangen“, sagt Sebastian selbstkritisch. Er war zu ungeduldig, es erfordert Geduld, einen schweren Frachter auf neuen Kurs zu bringen. Dass es Sebastian schließlich gelang, seine Vision umzusetzen, lag auch an seiner Kompetenz, das Projekt aus vielen Perspektiven zu betrachten.

Als ambitionierter Läufer kannte er die Anforderungen an gute Laufschuhe, betrachtete sie aber auch aus der Perspektive des Manufakturmit­arbeiters. Er kennt sich mit dem gesamten Herstellungsprozess aus, beherrscht Ma­terialauswahl und handwerkliche Anforderungen und ist ein Marketingspezialist, der den Gesamtmarkt beobachtet und Zukunftsmärkte analysiert. Und da sah er Möglichkeiten, wollte größere Ziele setzen.

Traditionelle Singer-Nähmaschine und moderner Laufschuh von Joe Nimble
Jürgen Altmann
Traditionelles Werkzeug trifft brandneues Produkt: Diese speziell zum Nähen von ­Schuhschäften entwickelt Nähmaschine von Singer ist über hundert Jahre alt. Sie ist eins der letzten noch laufenden Exemplare ihrer Gattung, Ersatzteile sind nicht mehr aufzutreiben.

Schlüsselerlebnis beim extremen Badwater-Ultra

Ein Schlüsselerlebnis hatte er als Crew-Kapitän eines Begleitteams bei einem der weltweit härtesten Ultralauf-Events, dem Bad­water-Ultra. 217 Kilometer müssen zurückgelegt, 4000 Höhenmeter erklommen werden – nichts für Anfänger. Hinzu kommen die klimatischen Bedingungen: Badwater liegt im kalifornischen Death Valley, einem der trockensten Orte der Welt. Die Lufttemperatur kann dort auf bis zu 50 Grad steigen, der Asphalt bringt es auf 80 Grad oder mehr. Jeder Läufer muss dort mit einem Begleitteam starten.

2004 lief der deutsche Ultra-Spezialist Robert Wimmer bei diesem Rennen mit – in einem Bär-Laufschuh. Der ­erste deutsche Finisher überhaupt belegte Platz neun – und war „der erste Läufer in der Geschichte des Laufs, der nur ein Schuhmodell genutzt hat“, so der Race-Organi­sator Chris Kostman. Sebastian Bär hat als Crew-Captain seinen Athleten unterstützt und beim Begleitwagen einen defekten Reifen gewechselt, aber um die Bär-­Schuhe musste er sich keine Gedanken machen, die hielten bis zum Ende durch.

Nach dieser und anderen Erfahrungen bei Marathons und Ultraläufen kehrte Se­bastian inspiriert zurück ins beschauliche Bietigheim-Bissingen. 2011 gründete er Joe Nimble, aber es sollte noch ein paar Jahre dauern bis zum Durchbruch. Den Handlungsspielraum in der Manufaktur empfand er als zu eng: „Ich wusste, wenn ich wirklich etwas Großes in Gang setzen will, muss ich aus den alten Strukturen ­heraus und etwas Neues probieren.“

Eroberung der Laufschuhwelt aus dem beschaulichen Ludwigsburg

2018 kam es deshalb zu einem räum­lichen Neuanfang: In Abstimmung mit der Bär-Geschäftsleitung suchte und fand Sebastian einen neuen Standort, an dem die Eroberung der Laufschuhwelt ihren Anfang nehmen sollte: „Im April zog ich in einen Co-Working-Space in Ludwigsburg.“ Im Herbst kam dann der erste Laufschuh auf den Markt, der Nimble Toes Jog, der sich auf Anhieb gut verkaufte. „Alle fragten mich: ,Wie hast das hingekriegt?‘“, erinnert sich Sebastian. Im Turbomodus ging es weiter.

Im Sommer 2019 folgte der Nimble Toes Jog 2.0, und im Frühjahr 2020 startete man eine Crowd­funding-Kampagne für das neue Modell Nimble Toes Addict. Auch sie hatte Erfolg, und bald schon konnte die Produktion des Schuhs im Fernen Osten anlaufen. Was sich nach einem unternehmerischen Durchmarsch anhört, war das Ergebnis einer langen Entwicklungsgeschichte. In ihrem Verlauf hatte sich Se­bastian Bär nicht nur intensiv mit der Schuhherstellung, sondern auch mit der Biomechanik des Laufens auseinandergesetzt.

Aus fachlichem Interesse – und aus eigener, schmerzlicher Erfahrung. 2015 wähnte er sich aufgrund einer Verletzung sogar schon am Ende seiner Läuferkarriere. „Ich wusste keinen Rat mehr. Mehrere Ärzte rieten mir, die Sportart zu wechseln.“ Wie sich schließlich herausstellte, handelte es sich bei seiner Verletzung um einen Überlastungsbruch im Sesamköpfchen – eine typische Überlastungsreaktion auf das Tragen von Barfuß-Laufschuhen.

Verzweifelt suchte Sebastian Rat – und stieß nach einigen Recherchen auf den in der internationalen Laufszene ebenso erfolgreichen wie berüchtigten englischen Lauftrainer Lee Saxby, einen der wich­tigsten Protagonisten der Barfuß-Revolution. (Anmerkung des Redakteurs: Bei meiner ersten Begegnung mit Lee bot dieser mir keinen Sitzplatz an, sondern forderte mich auf, es mir in der Sitzhocke bequem zu machen, natürlich mit Bodenkontakt der ganzen Fußsohle.) Aufgrund seiner Ex­pertise war Saxby bereits von unterschiedlichen Laufschuhherstellern engagiert worden und hatte unter anderem mit Christopher McDougall (dem Autor von „Born to Run“) und dem „Barfuß-Professor“ Daniel Lieberman von der Universität Harvard zusammengearbeitet.

Sebastian rief bei Saxby an – und reiste kurz darauf zu einem von dessen Laufworkshops in Prag. Saxbys Diag­nose fiel nüchtern aus: „Sebastian war der Verlockung des Natural Running erlegen, das damals groß im Trend war, und wie 80 Prozent der Läufer, die zu mir kommen, hat er es damit übertrieben und sich verletzt.“ An dieser Stelle erzählt Saxby immer gern von den Buschmännern in Namibia, mit denen er auf die Jagd gegangen sei. „Die laufen barfuß, wiegen meist aber auch nur zwischen 50 und 60 Kilo“, was eine ganz andere Biomechanik zur Folge hat.

Saxby, der selbst eine große Rolle beim weltweiten Natural-Running-Boom gespielt hat, gibt sich durchaus selbstkritisch: „Wir müssen die ursprünglichen Ideen überdenken“, sagt er, „aber dabei ist die große Zehenbox nicht verhandelbar.“ Als eine der häufigsten Ursachen für Laufverletzungen betrachtet Saxby die vorn spitz zulaufenden Schuhformen. Ihm geht es immer um einen ganzheitlichen Gesund­heitsansatz: Wenn er über Füße nachdenkt, schaut er dabei auf den gesamten Körper. Saxby hat ein Auge für körperliche Dysbalancen – und für falsches Schuhwerk. Auch deshalb stehen in den Joe-Nimble-Büros heute so viele Laufanalyse-Tools.

Laufstilanalyse
Jürgen Altmann
Sebastian Bär führt in den Joe-Nimble-Büros in Ludwigsburg eine Laufstilanalyse durch

Sebastian Bär und Lee Saxby waren schnell auf einer Wellenlänge. Sebastian konnte nach einem halben Jahr endlich wieder in seinen geliebten Schuhen laufen. Und er ­wusste jetzt, was er falsch gemacht hatte. Ge­nauer gesagt: was falsch an seinen Schuhen gewesen war. Das Ergebnis von Saxbys Impulsen war der Nimble Toes ­Addict, womit wir wieder im Co-Working-Space in Ludwigsburg und bei der Crowdfunding-Kampagne angelangt wären. Durch Lee Saxby hatte Sebastian gelernt, „dass zwei Elemente an den zuvor entwickelten Schuhen absolut richtig waren: die große Zehenbox und die Null-Sprengung. Aber zwei Details fehlten“, so der Konstruk­teur. Die fehlenden Elemente erhielt der Addict in Form einer dämpfenden Mittel- und einer komfortablen Einlegesohle.

Aus dem Co-Working-Space in Ludwigsburg zog Sebastian nach ein paar Monaten wieder aus und wechselte in die alte ­Industrieetage nahe dem Barock-Schlossgarten in Ludwigsburg. Hier gibt es Platz für Ideen, Raum für Gestaltung – und für mehr Mitarbeiter. „Ich ­hatte von meinem Vater gelernt, neue Projekte mit Augenmaß anzugehen“, erklärt Sebastian seine Strategie. „Aber ich wusste durch meine läuferische Erfahrung, dass man sich auch mal aus dem Fenster lehnen muss.“ Das ist eins der Dinge, die er beim Badwater-Ultra­ gelernt hat. „Bei einem Ultramarathon weißt du halt nie, wie es läuft. Es passieren unvorhergesehene Dinge. Und du musst rasche Entscheidungen treffen. Das ist für mich eine prägende Erfahrung gewesen.

Erst Crowdfunding, dann Corona

Entscheidungen treffen unter Extrembedingungen – niemals hätte Sebastian sich vorstellen können, dass er sich dieser Herausforderung auch noch einmal unter ganz anderen Umständen stellen müsste. Denn unmittelbar auf die erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne für den Addict Anfang 2020 folgte die Corona-Krise. Sebastian sagt unverblümt: „Da sind wir erst mal voll auf die Schnauze gefallen.“ In der Sprache der Langstreckenläufer würde man wohl von einem Tief sprechen, von einer Mauer – und dann führt die Strecke auch noch steil bergauf, und es fängt an zu regnen.

„Als die Fabriken in Fernost geschlossen wurden, war das ein herber Rückschlag.“ Dazu kam: Die bereits produzierten Schuhe lagerten in den Werkshallen in Fernost, „aber plötzlich haben sich die Frachtkosten verzehnfacht.“ Ohne seine Erfahrungen als Langstreckenläufer, wer weiß, hätte die Geschichte von Sebastian Bär und Joe Nimble an diesem Punkt vielleicht eine andere Wendung nehmen können. Bär und sein kleines Team suchten nach Alternativen. Man holte die Produkte schließlich per Bahn und startete sogar eine ­zweite Crowdfunding-Aktion für die Trailversion des Addict, bei der man stark auf Social-Media-Feedback setzte.

Die Strategie hatte Erfolg, sie brachte die dreifache Investitionssumme im Vergleich zur ersten Aktion. „Und das trotz aller Schwierigkeiten! Das hat mich bestärkt, weiterzumachen und nicht ans Aufgeben zu denken“, erzählt Sebastian. Die Nachfrage überstieg dann seine kühnsten Erwartungen. Die ersten Muster des Trail-Addict kamen schon im Sommer 2020 in der neuen Firmenzentrale an. Gleichzeitig legte die Entwicklungsdynamik im Unternehmen zu – mit einer Geschwindigkeit, die einen fast schwindelig werden lässt.

Parallel liefen mehrere Projekte an: Eine App ­wurde entwickelt, mit deren Hilfe sich die Fußlänge und die Zehenstellung ermitteln lassen und die dann im nächsten Schritt die benötigte Schuhgröße errechnet. Der Service kam gerade recht in einer Zeit, in der sich fast alle Verkäufe online abspielten.

Innovative Partnerschaft mit dem Footwear Innovation Lab

Und dann realisierte der Vater von Zwillingen auch noch eine neue Produkt­linie von Kinderschuhen – und zwar made in Germany. Es ist das zweite Projekt, das Sebastian mit dem Footwear Innova­tion Lab in Pirmasens realisiert, einem hoch­innovativen Design- und Entwicklungs­studio in der Pfalz.

Schuhentwickler Jens Schmidt im Footwear Innovation Lab in Pirmasens
Jürgen Altmann

Das Team aus 17 Angestellten um den Geschäftsführer ­Jochen Schmidt kann zwar nicht mit der Man­power internationaler Schuhhersteller mithalten – aber schließlich wolle man auch gar keine eigenen Schuhe herstellen, wie Schmidt betont. Stattdessen hat man sich darauf spezialisiert, in kürzester Zeit die Ideen anderer Wirklichkeit werden zu lassen. Innerhalb von drei Monaten hatte Schmidt gemeinsam mit Sebastian Bär – da haben sich zwei Macher getroffen – die Produktion der Recover-Toes-Sandale auf die Beine gestellt, vom ersten Entwurf bis zur Produktion. Die Recover Toes ist eine Freizeitsandale für Läufer, die die Füße biomechanisch entlastet. „Ich habe selten einen Unternehmer getroffen, der seiner Sache so konsequent nachgeht“, sagt Jens Schmidt über Sebastian Bär.

Wie macht der Mann das? Woher nimmt er die Ideen für all die verschiedenen Projekte und die Energie, um die am Computer entworfenen Laufschuhdesigns Wirklichkeit werden zu lassen? Da herrscht offenbar eine eigene Dynamik, die aus einer schwäbischen Schuhmanufaktur entspringt und in eine hochmoderne Laufschuhproduk­tion mündet. Und die Marke steht gerade erst am Anfang, wie all die Produkte beweisen, die derzeit in der Pipeline sind.

Der Joe-Nimble-Schuh für den härtesten Ultra der Welt

Das neueste Projekt von Sebastian Bär ist übrigens ein Laufschuh, den er speziell für den Badwater-Ultra entwickelt hat. Hergestellt wird er natürlich im Footwear Innovation Lab, made in Pirmasens, auf Wunsch für jeden Teilnehmer individuell angefertigt. Das ist kein riesiger Markt, es werden nur gut hundert Schuhe hergestellt. Aber Sebastian Bär geht es um mehr als um das große Geschäft. Hinter seiner Vision von Joe Nimble steckt ein größerer, gesundheitlicher, ganzheitlicher Ansatz. Der hat seinen Ursprung in einer schwäbischen Manufaktur in den 1980er-Jahren und das Zeug dazu, das Laufen im 21. Jahrhundert entscheidend mitzuprägen.

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