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Projekt 19/19
Projekt 19/19 Renz Rotteveel

Projekt 19/19 Befreiender Norden

Anthony Horyna lief von Konstanz nach Flensburg, 45 Marathons in 45 Tagen. Hier verrät er, was auf den letzten Etappen passierte.

Projekt 19/19 goes Nordisch. Was seit Etappe 39 so passiert ist und wie befreiend der Norden ist, lest ihr hier.

Wer vorher noch wissen möchte, was Anthony bislang erlebt hat und was hinter dem Projekt19/19 steckt, findet hier die Blog-Übersicht:

Darum laufe ich 45 Marathons in 45 TagenDie ersten 5 Tage sind geschafftGrüße aus Frankfurt(Fast) die Hälfte ist geschafftEndlich in NorddeutschlandBefreiender Norden

­­­­­Tag 39 von 45

Was auch immer wir mit diesem Projekt angestoßen haben, es ist wundervoll. Und heute ist genau solch ein wundervoller Tag. Einer mit ganz tollen Menschen. Menschen, die uns wie selbstverständlich ein Stück auf unserem Weg begleiten, uns ganz neue und interessante Impulse und Eindrücke mit auf den Weg geben. Menschen auch, die weit über das hinaus gehen, was sie sich vorgenommen – manchmal sogar – vorgestellt haben.

So wie unsere Mitläufer heute - Ricki, Sina, Claudia, Lukas und Phil. Claudia kommt extra für uns aus Hamburg angereist, da sie leider an dem Hamburg-Wochenende nicht dabei sein konnte. Ricki und Phil aus Lübeck sowie Sina und Lukas aus Lüneburg.

Ein echt toller Lauf heute. Viel Spaß. Viele ganz wunderbare und sehr offene Gespräche, für die ich mich hier nochmals ganz ehrlich und aufrichtig bedanken möchte.

Und dann das: Ricki läuft heute zum ersten Mal 27 Kilometer am Stück. Claudia, Sina und Phil am Ende mit 46 Kilometer auch weit mehr als je zuvor. Das erfahre ich von Sina und Phil aber eher beiläufig und ungefähr 200 Meter vor dem heutigen Finish. Hammer! Bin total platt. Das ist so motivierend und inspirierend.

Tag 40 von 45

So die 4 steht. 40 Tage sind wir nun schon unterwegs. Echt mal. Das ist schon was. Aber – und ich bleibe dabei – das hier ist kein Wettkampf, daher denke ich auch nicht in Countdowns. Oder in „nur noch X-Etappen“ bis zum Finish. Ganz ehrlich. Interessiert mich nicht. Ich bin jeden Tag im Tag. Das zählt. Das ist wichtig. Das ist die Essenz. Die Fokussierung auf das Jetzt. Die Disziplin im Jetzt zu bleiben. Das gilt im Lauf, wie im Leben. Und so passt das auch, dass ich sowohl durch den strömenden Regen als auch Sonne laufe. Dabei gefühlt stundenlang an der Straße entlang. Und zum allerersten Mal die See gesehen – nun ja, mit viel gutem Willen und zugekniffenen Augen durch einen Hafen durch. Zum Ende des Laufs werde ich noch von Jule eingesammelt und gemeinsam laufen wir ins heutige Ziel ein.

Tag 41 von 45

Woah, der ging schnell heute. Also sehr kurzweilig. Schon komisch, manchmal gibt es Läufe die gefühlt eine Ewigkeit dauern und dann solche wie heute, die nur so verfliegen. Dass heute so cool war, ist vor allem den ganz tollen Mitläufern geschuldet. Carina, Sarah und Helmut von Laufen in Lübeck. Die drei kommen mir auf den ersten 5 Kilometern entgegen und sind für ein ganzes Stück mit dabei. Sarah übernimmt die Wegeführung und kennt sich auf der Strecke mega gut aus. Das ist super. Und für mich immer ganz wundervoll, denn nicht nur kann ich so entspannter laufen (schon anders als teils die Wegmarkierung zu suchen oder alle paar hundert Meter auf dem Handy nach den Wegen schauen zu müssen), ich erfahre so auch immer ganz Spannendes von den jeweiligen Gegenden.

Wir laufen um diverse Seen herum und ganz tolle Wege entlang. Irgendwann müssen sich Sarah und Helmut leider verabschieden und Carina und ich laufen noch etliche Kilometer gemeinsam weiter, bis auch sie aussteigt. Hat mir eine Menge Freude bereitet, dass die Drei extra nochmal aus Lübeck vorbeikamen. Dann alleine weiter und auf den letzten 20 Kilometern noch an weiteren Seen vorbei, einen Turm bestiegen (musste einfach sein) und auf den letzten 5 Kilometern von Jule eingesammelt worden. Ein sehr schöner Lauftag heute.

Tag 42 von 45

Geburtstag. Und was machst du so? Naja, laufen. Und tatsächlich hätte ich mir für heute wenig anderes so gut vorstellen können, wie 48 km hier oben im Norden zu laufen. Das tut so gut. Draußen zu sein. Der Lauf war auch eigentlich ganz schön. Nun ja, bis auf die knapp eineinhalb Stunden auf Beton und Asphalt und ohne Markierungen vor und durch Kiel. Wobei, auch Kiel war cool. Denn hier stieß Holger nochmals für ein paar Kilometer zu mir. Super Typ, der auch schon in Hamburg mit am Start war. Das freut mich sehr. Auch weil Holger sich hier ziemlich gut auskennt und ich so ein bisschen was von und über Kiel und die Nord-Ostsee-Kanal erfahre.

Nachdem wir mit der Fähre übergesetzt haben, trennen sich für heute unsere Wege und ich mache alleine fertig. Und zwar bis nach Schilksee. Und das ist für mich etwas Besonderes, denn hier war ich als 11-Jähriger das letzte Mal. Auf einer Ferienfreizeit. Und heute, an meinem Geburtstag, 35 Jahre später, laufe ich hier wieder durch. Wie war das mit Jung und dem Prinzip der „Synchronizität“ nochmals?

Bin jedenfalls sehr angetan. Und den Campground, auf dem Jule und ich heute bleiben, erkenne ich zum Teil sogar wieder. Wahnsinn. Ein sehr warmes und schönes Gefühl. Campaufbau, Strandspaziergang, spätes Essen und dann irgendwann mit vielen Decken ins Dachzelt.

Tag 43 von 45

Wenn ich mir Lauftage wünschen dürfte, würden sie so aussehen wie heute. Das war Postkarte heute. Also Postkartenwetter. Postkartenlandschaft. Und Postkartenstimmung. Morgens in Schilksee (am Segelhafen) mit der Maiken, dem Dawid, der Lena, der Stephanie und der Leah getroffen. Maiken und Dawid waren schon in #Hamburg mit dabei und sind extra für uns nochmals hierhergekommen. Lena und Stephanie sind mehr oder minder direkt vom TAR (Trans Alpine Run) RUN2 zu uns gestoßen und Leah ist mit dabei, da ihr Bruder David, welcher in Frankfurt mitlief, so begeistert hiervon berichtet hat.

Das ist so toll. Menschen, die wegen der Sache mitlaufen. Die sich die Zeit nehmen. Die, wie Dawid, kurzfristig ihre Pläne umwerfen, um mit dabei zu sein. Und die einfach auch Lust haben draußen zu sein. Im Moment. Im Jetzt. Und das mit uns machen wollen und tun. Mich überwältigt das immer noch und immer wieder.

Und der Lauf ist einfach wunderschön. Viel an der Küste entlang. Am Strand. Auch mal kurz durch Eckernförde um dann in Kochendorf zu landen. So toll.

Tag 44 von 45

Heute war ich wieder alleine unterwegs. Und das war auch sehr schön. Denn diese Tage allein auf Strecke erlauben mir ein ganz eigenes Laufen. Eines ganz bei mir. Dabei rekapituliere ich heute am Tag 44 von 45 viel übers Projekt. Was bisher so passiert ist. Wo wir schon überall waren. Wem wir begegnet sind. Welche Impulse wir gesetzt und welche wir erhalten haben. Das ist schon alles immens.

Mit diesen Gedanken verlaufe ich mich direkt wieder. Also „Verlaufen“ mal in Anführungszeichen. Denn ich folge schon dem „X“ des E1-Fernwanderweges, jedoch in falscher Richtung um ein Moor herum. Macht aber gar nichts, denn auf dem kleinen verschwurbelten Weg stehen ungefähr 3 Meter von mir entfernt 2 Rehe und sehen mich einfach nur an. Schöner Moment, der mit einem Knacks aus dem Wald und den davonspringenden Rehen sein Ende findet.

Also weiter. Einige Stunden später dann treffe ich auf Jule und Ang (die extra für die letzten beiden Etappen nochmals aus Berlin zu uns findet). Gemeinsam laufen wir los und durch den plötzlich einsetzenden strömenden Regen bis ins heutige Ziel. So cool. Als wir dann an der heutigen FeWo ankommen, fahren in der Sekunde auch Jurian und Renz (von 361°) vor und auch mein Freund Jean-Paul aus den Niederlanden. JP ist übrigens derjenige, der das Projekt19/19 Logo und den Schriftzug von „In it for the long run“ designt hat. Nach dem Duschen dann Pastaparty und entspanntes Rumhängen.

Projekt 19/19, Zieleinlauf Flensburg
privat
Projekt 19/19, Zieleinlauf Flensburg

Tag 45 von 45

Das große Finale. Aber was ist das? Es fühlt sich gar nicht so an. Denn morgens frühstücken wir erst Mal entspannt mit Jurian, Ang, JP sowie auch Sina und Lukas (von Etappe 39). Und nachdem wir unsere ganzen Sachen verpackt haben, starten wir im leichten Nieselregen auf die letzte und finale Etappe von diesem Projekt. Aber wie gesagt, das fühlt sich gar nicht so an, denn wir alle laufen einfach. Haben Spaß und sind völlig entspannt. Was auch zu einem ganz großen Teil an Lukas liegt, der heute den Wagen für uns übernimmt und somit Jule ermöglicht wieder mitzulaufen. Und so laufen wir. Und dann stößt sogar Holger aus Hamburg (und auch Kiel) nochmals mit dazu. Irgendwann aber kommen wir in strömenden Regen. Also echten Regen, nicht nur so ein bisschen Landregen. Unterschlupf bekommen wir bei einem Evangelischen Gemeindehaus, wo wir uns nicht nur aufwärmen dürfen, sondern auch noch leckeren Kaffee bekommen. Einfach so, weil wir da sind. Wie herzlich das ist.

Als der Regen aufhört geht’s weiter. Durch Dörfer, auf Feldwegen, auf Trails. Und dann geht’s los. Erst schließen sich uns drei Läufer an. Und gemeinsam weiter. Bis wir aus einem kleinen Waldstück rauskommen und auf eine Gruppe von rund 35 bis 40 Läufern aus Flensburg treffen. Wahnsinn. Organisiert hat das „Flensburg liebt Dich e.V.“ und Stephan übernimmt ab hier auch die Wegeführung. Ich bin echt völlig – im positiven Sinne – überrollt hiervon. Das sind so viele Menschen auf einen Schlag. Und alle um mit uns nach Flensburg einzulaufen. Alle um mit dabei zu sein. Um mit uns gemeinsam ein Zeichen zu setzen. Um dem Thema Depressionen und auch Suizidprävention ein Gesicht, eine Stimme zu geben. Ich versuche mit so vielen wie mir nur möglich auf den letzten Kilometern zu sprechen – was ein bisschen schwierig ist. Und wie die alle Laufen. So so toll.

Dann stoßen nochmals – und hier verliere ich wirklich den Überblick – rund 20 Läufer mit dazu. Waren es weniger? Waren es mehr? Ich weiß es nicht. Bin Sprachlos. Einfach unfasslich, wie viele Menschen sich uns hier anschließen auf den letzten Kilometern auf den Weg zum Flensburger Hafen. Und schon von Weitem hören wir die Trommeln. Nicht zu fassen. Inklusive rotem Teppich und Zielbogen. Und ja, ich glaube wir alle fliegen die letzten Meter nur so dahin und durch den Bogen und in das Ziel. Und da sind wir nun. Nach 45 Tagen. Nach mehr als 1900 Kilometern. Nach unfasslich wundervollen Begegnungen. Nach unglaublichen Landschaften. Nach unzähligen kleinen Abenteuern. Nach so vielen Eindrücken. Und da stehen Jule und ich nun, umringt von mittlerweile rund 70 Leuten. Und halten uns nur noch im Arm. Und versuchen zu atmen. Und atmen. Und sind so glücklich. Nicht das der Lauf vorbei ist. Sondern, dass wir es bis hierhin geschafft haben.

Mit einer Idee, mit einem Gedanken, mit einer Botschaft. Und ja, wir sind sprachlos. Vor Liebe. Vor Dankbarkeit. Vor Freude. Immer wieder habe ich erleben dürfen, was Menschen auf die Beine stellen. Wie unglaublich hilfsbereit und wundervoll Menschen sind. Und wie viel positive Resonanz und Feedback das Projekt 19/19 erhalten hat und erhält.

Ich möchte mich hiermit bei jeder und jedem Mitläufer/in bedanken. Bei allen, die ihren Weg zu uns gefunden haben. Bei allen, die uns ihre Geschichte erzählt haben. Bei allen Unterstützern. Bei allen, die uns gefolgt sind auf den unterschiedlichen Kanälen. Bei allen, die dazu beigetragen haben – selbst wenn sie ihren eigenen Part als gar nicht so groß sehen – dieses Projekt 19/19 überhaupt zu ermöglichen.

Ich möchte mich auch explizit bei meiner Tochter bedanken. Sie war nicht nur die ersten beiden Wochen mit uns unterwegs, sondern auch von Anfang an Feuer und Flamme für das Projekt. Danke dir so sehr.

Und ich möchte mich bei Jule bedanken. Ohne sie wäre nichts hiervon möglich gewesen. Sie hat das Projekt mitentwickelt, mitgestaltet, mitinitiiert. Das Ganze von der ersten Minute an mitgetragen. Sie ist diesen mehr als 1900 Kilometer langen Weg durch Deutschland, durch alle Höhen und Tiefen, durch Wind und Wetter, durch äußere und innere Landschaften nicht bloß mitgegangen – sie ist mitgelaufen.

Und – hierfür habe ich übrigens gut 70 Zeugen in Flensburg gehabt – sie hat JA gesagt. Das aber ist ein neues, ein anderes Projekt.

DANKE. AN ALLE. UND JEDEN EINZELNEN.

Projekt 19/19, Glücksgefühle im Ziel
privat
Projekt 19/19, Glücksgefühle im Ziel

Und bitte denkt daran, Depressionen sind eine Krankheit. Keine Stimmung. Krankheiten können geheilt werden. Depressionen und Suizid müssen raus aus der Tabuzone. Raus aus der Stigmatisierung. Darüber sprechen ist der erste Schritt. Organisationen wie Freunde Fürs Leben e.V. informieren und klären auf. Und können jede Art der Unterstützung gut verwenden.

Der Lauf Projekt 19/19 mag hier in Flensburg zu Ende gegangen sein. Das Projekt selbst aber läuft weiter. Denn es gilt im Lauf wie im Leben: IN IT FOR THE LONG RUN.

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