Die Laufkolumne von Dieter Baumann
Dieters Kolumne: Mein Lauf der Woche

Baumanns Lauf der Woche Bis Weihnachten wird nur noch geprobt

Dieter Baumann bringt es auf den Punkt, Freizeitsport und freie Kulturszene haben eines gemeinsam: keine Lobby.

Lauf der Woche
Donnerstag 28.05.2020
Tübingen / Garage
Proben-Proben-Proben-Dauerlauf

Ich melde mich vom Dauerlaufen heute mit meinen Kollegen des Posaunenquartetts Trombanda – genaugenommen waren sie bei unserer Probe zu dritt, also ein Trio. Aber so genau nehme ich das nicht, Quartett, Trio, Duo? Ich sehe das alles sehr sportlich.

Gut, meine Musiker sehen das anders, ganz anders. Ach, Sie können sich gar nicht vorstellen, wie genau Musiker das Alles nehmen. Jede Note nehmen sie genau. Jede einzelne Note. Immer. Kein Halbton zu hoch, keiner zu tief. Mal ehrlich, als ob es darauf ankommt.

Wir Läufer/innen schieben ja auch keine Panik, nur weil ein Kilometer, ein einziger läppischer Kilometer, beim Marathon um ein paar Sekunden schneller oder langsamer ist. Da gibt man zwischendrin ein wenig Gas und schon passt das wieder. Aber auch das darf man bei meinen Musikern nicht: schneller werden. Alles immer im Takt. Wirklich, die Musiker nehmen immer Alles so genau.

Aber nett sind Sie. Die Posaunenspieler. Und zur Probe immer pünktlich. Klar proben wir, was denken Sie denn? Im Grunde haben wir nichts anderes mehr zu tun. Proben, Proben, Proben. Oder: Training, Training, Training. Kein Auftritt, kein Wettkampf, Nichts. Aber noch viel schlimmer: nicht mal eine Aussicht auf so was wie einen Auftritt.

Während die Kicker-Profis Ihre Geisterspiele abhalten, damit eine handvoll Millionäre noch mehr Millionen verdienen und ganz wichtig (!), Wettbüros ihren Kunden das letzte Kurzarbeitergeld aus der Tasche ziehen können – dürfen viele 100.000 Menschen ihren Sport nicht oder nur eingeschränkt ausüben. Stichwort „aerosole Übertragung“. Ich sage mal so: da kommt noch was auf uns zu, liebe Freunde der Laufkunst. Man braucht kein Virologe zu sein um zu sagen: Laufveranstaltungen wird es so schnell und wie gewohnt nicht geben.

Nicht, dass ich falsch verstanden werde. Ich finde Christian Drosten überragend! Unser Land ist hervorragend aufgestellt und auch ausgestattet. Und noch viel wichtiger, ich habe volles Verständnis für die Maßnahmen in diesen Zeiten. Ich trage alles mit. Hände waschen, Abstand halten, zu Hause bleiben, in der Garage laufen, keine Besuche, keine Umarmungen. Ich finde alles ganz schlimm und auch für unser Gesellschaftsleben höchst problematisch, aber ich trage es mit. Denn die Alternativen sind und wären noch schlimmer.

Doch die Entscheidungen, was systemrelevant, was erlaubt oder verboten ist, bekommen für mich mehr und mehr willkürlichere Züge. Die Innenstädte beispielsweise füllen sich mit eng an eng flanierenden Menschen. Auf der anderen Seite werden Vereine von pattrollierenden Polizeiwagen kontrolliert, ob man Tempoläufe in zwei Meter Abständen läuft. Da beginnen, um ganz ehrlich zu sein, meine Probleme. Es ist die Ungleichheit der Lockerungen.

Wer laut schreit, bekommt Staatshilfe. Wer keine Lobby hat, muss stempeln gehen. Und damit wäre ich bei der Kultur, denn „stempeln gehen“ sind die Aussichten der freien Kulturszene. Ein Theater mit 150 Sitzplätzen wird auf 25 zusammengeschrumpft und das bedeutet für viele tausend Künstler das Aus. Ende. Vorhang fällt.

Die Aussicht also ist alles andere als gut, doch wir proben weiter und an Weihnachten gibt es ein Konzert. Die Frage ist nur, welches Weihnachten. 2020, 2021 oder 2022?

Egal, es wird ein Konzert geben, Triangel-Einsatz hin oder her, und bis der nicht funktioniert, proben wir sowieso weiter! (Also bis 2022 dann).

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