Themenspecial zum Coronavirus
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Frank Thaleiser, Organisator des Hamburg-Marathons Norbert Wilhelmi

Orga-Chef Frank Thaleiser im Interview Marathon absagen? Von wegen! „Hamburg ist optimistisch“

Berlin ist abgesagt – aber der Hamburg-Marathon soll stattfinden: Warum Organisationschef Frank Thaleiser optimistisch ist.

Was bedeutet die Absage des Berlin-Marathons für die Laufszene? Werden jetzt alle Laufveranstaltungen abgesagt? Der Cheforganisator des Hamburg-Marathons steuert dagegen: Frank Thaleiser arbeitet mit seinem Team mit Hochdruck an der Organisation für die Veranstaltung am 13. September. Er erklärt im Interview mit RUNNER’S WORLD, was der Unterschied zu Berlin ist, wie die Hamburger Läufer ihren eigenen Hamburg-Marathon gelaufen sind und warum er gerade aufgrund der aktuellen Reaktionen optimistisch ist.

RUNNER’S WORLD: Der Berlin-Marathon wird nicht in bekanntem Rahmen stattfinden können, Geschäftsführer Jürgen Lock hat im Interview Zweifel geäußert, dass es in diesem Jahr noch einen großen Marathon geben wird. Wie ist es mit dem Hamburg-Marathon, für den ihr den Termin auf den 13. September verschoben habt? Wie sind die Chancen in Hamburg für die Austragung im September?

Frank Thaleiser: Wir sind optimistisch. Wir haben eine Veranstaltungsgenehmigung für den 13. September. Das ist unsere grundsätzliche Vorgabe von der Freien und Hansestadt Hamburg und solange sich daran von Amts wegen nichts ändert, planen wir weiter und entscheiden endgültig Anfang August mit allen Beteiligten. Die Frage ist für uns aktuell vielmehr, was geht am 13. September und in welcher Form? Dazu muss man auch sehen, dass der Berlin-Marathon eine andere Größenordnung hat als wir, der ist gewissermaßen wie das Oktoberfest unter den deutschen Laufveranstaltungen.

Und in der Hauptstadt werden voraussichtlich vor September keine Hotels und Gastronomie aufmachen. Für Berlin mögen die Aussagen von Jürgen Lock stimmen. Der Haspa Marathon Hamburg ist dagegen in erster Linie eine überregional bedeutende Veranstaltung. Sechzig Prozent unserer Teilnehmer könnten am Wettkampftag an- und wieder abreisen. Man darf also gerade jetzt den Laufsport nicht verallgemeinern. Sonst ist am Ende der Lauf mit 500 bis 1.000 Teilnehmern genauso gefährdet wie der Berlin-Marathon.

RUNNER’S WORLD: Die terminliche Verschiebung des Hamburg-Marathons ist aber vermutlich mit einem riesigen Aufwand verbunden?

Natürlich! Wir planen jetzt. Es wird nicht so sein wie sonst, aber wir sind in guten Gesprächen! Wir arbeiten gerade an der Strecke, am Start-Ziel-Bereich und an hundert anderen Dingen. Wir wissen ja zum Beispiel noch gar nicht, was mit unserem Start-Zielbereich an der Messe ist, ob wir da Platz haben? Welche Messe wird da stattfinden? Wir haben den Septembertermin gefunden – allerdings ist September-Oktober normalerweise die Haupt-Messesaison. Aber wir wollen jetzt auch nicht zu viel Bohei machen. Man muss bedenken: Es sind gerade mal vier Wochen seit der ersten Verfügung vergangen. Erst am 16. März wurde gesagt, dass im Mai nichts läuft! – Deshalb verstehe ich übrigens die Berliner nicht, dass die jetzt schon sagen, dass bis zum 24. Oktober nichts läuft.

RUNNER’S WORLD: Wäre auch eine Austragung des Marathons mit geringerer Starterzahl möglich, wenn die Auflagen das verlangen, also etwa mit 5.000 Teilnehmern?

Genau über solche Szenarien denken wir nach. Wir haben da, wenn auch auf kleinerer Ebene, Erfahrungen vom Köhlbrandbrückenlauf. Der wäre sogar abriegelbar, man könnte ihn ohne Zuschauer veranstalten. Ich frage mich allerdings: Was bedeutet ein Limit von 5.000? Werden Zuschauer mitgezählt? Übrigens waren am 19. April, unserem eigentlichen Marathondatum, 10.000 Menschen an der Alster unterwegs, mindestens – ohne, dass unser Marathon stattgefunden hat! Da hat auch keiner nachgezählt. Es wäre doch absurd, wenn wir zum Beispiel die Zuschauer ausschließen müssten. Was wäre, wenn wir die Hamburger aufrufen würden, nicht an die Marathonstrecke zum Zuschauen zu kommen? So war das ja wohl in Tokio in diesem Jahr beim Marathon. Dann spricht man faktisch ein Bewegungsverbot aus.

Für den Hamburg-Marathon kann ich mir letztlich viele Szenarien vorstellen, aber ich bin dafür, ganz ruhig und sachlich die nächsten zwei Monate abzuwarten und zu schauen, welche Entscheidungen da getroffen werden. In Hamburg läuft der Weg bei Sportveranstaltungen so: Die Politik macht Vorgaben, aber das Gesundheitsamt Hamburg entscheidet. Wenn die sagen, dass es keine Fußballspiele gibt, gibt es keine! Wenn die sagen, dass es kein Tennisturnier gibt, gibt es keins. Ich bin trotzdem optimistisch, dass wir den Marathon veranstalten – in welcher Form auch immer! Derzeit diskutieren Österreich und Schleswig-Holstein schon wieder über die Öffnung für Touristen. Und wenn man an der Ostsee im Sommer zwanzigtausend Leute an den Strand lässt, warum dann eben nicht auch einen Marathon im öffentlichen Raum veranstalten?

Marathon in der Hansestadt: Die Fotos vom Hamburg-Marathon 2019

Hamburg-Marathon 2019
Hamburg-Marathon 2019 Hamburg-Marathon 2019 Hamburg-Marathon 2019 Hamburg-Marathon 2019 149 Bilder

RUNNER’S WORLD: Wie wären die wirtschaftlichen Folgen, wenn der Hamburg-Marathon kleiner wird, oder gar abgesagt werden muss?

Das hängt am Ende des Tages davon ab, wie solidarisch die Teilnehmer sind. Wenn alle Teilnehmer ihre Startgebühr zurückhaben wollen, überlebt das kein Veranstalter. Das wirtschaftliche Konzept einer Laufveranstaltung sieht doch so aus: Wir sammeln Geld ein von den Teilnehmern, um zwölf Monate später eine Veranstaltung zu machen. Dass an dem Veranstaltungstag nicht das ganze Geld zur Verfügung steht, muss allen klar sein. – Mit der Gutschein-Lösung, dass die Startnummer also im nächsten Jahr noch gültig ist, wird das Problem nur verschoben, aber nicht behoben. Denn dann hat man nächstes Jahr keine Einnahmen. Das ist die Problematik.

RUNNER’S WORLD: Das könnte ja dann gleich mehrere eurer Veranstaltungen betreffen?

Das kann alle Veranstalter betreffen – uns auch, mehrfach. Wenn die Berliner dieses Jahr zehn Laufveranstaltungen absagen müssen und die Gutscheinlösung greift, dann haben sie nächstes Jahr keine Einnahmen. Die Problematik trifft fast alle Wirtschaftszweige, besonders auch die Tourismus-Branche, da steht für mich fest: Die müssen die Preise erhöhen, und sie werden das tun, um zu überleben. Das geht bei uns nicht: Für Marathonläufer ist es nicht akzeptabel, die Teilnahmegebühr von 80 auf 120 Euro zu erhöhen.

RUNNER’S WORLD: Da wird es nicht ohne Hilfe von außen gehen: Darauf hat Jürgen Lock im Interview hingewiesen, dass er Hilfsmaßnahmen, Lösungen von der Politik verlangt – aber die sind nicht sichtbar?

Da hat Jürgen absolut Recht! Wir Veranstalter sind Exoten, uns hat, abgesehen vom Landessportamt, kaum einer auf dem Schirm in der Politik. Uns fehlt ein großes Sprachrohr! Wir haben keine große mediale Wirkung. Bei Wacken ist das anders, das Heavy-Metal-Festival kennt sogar meine 80-jährige Mutter. Und Jürgen Lock hat noch einen wichtigen Aspekt angesprochen, nämlich wie viele kleine Unternehmen hinten dran hängen an unseren Laufveranstaltungen.

Wir merken das gerade bei unserer Organisation. Wir müssen jetzt schon überlegen: Welcher Dienstleister ist im September noch auf dem Markt? Mindestens sechzig Prozent unserer Dienstleister haben im Moment überhaupt keinen Umsatz, gar nichts, und meine Schätzung ist wahrscheinlich noch tief gegriffen. Das reicht vom Ansager, dem Absperrgitter-Aufbauer, den Zeitnahme-Unternehmen bis hin zum Caterer. Wir, das Büro vom Hamburg-Marathon, sind natürlich auch in Kurzarbeit. Aber viele Unternehmen mit kurzfristigem Geschäft in unserer Branche sind jetzt schon in Schieflage. Und wenn der Markt wieder anfährt, sind die vielleicht schon weg. Dann wird der Markt neu aufgestellt. Und wir werden dann das Problem haben, die Qualität der Dienstleistungen wieder zu erhalten. Meine große Befürchtung ist, dass wir nächstes Jahr eine andere Veranstalter-Landschaft haben werden.

RUNNER’S WORLD: Dabei ist Laufen gerade angesagt wie nie – merkt ihr auch das gesteigerte Interesse?

Absolut, gerade jetzt. Am letzten Sonntag, an dem unser Marathon hätte stattfinden sollen, haben ja viele an der #runyourownblueline Aktion teilgenommen und ihren privaten Lauf absolviert – bis hin zum Marathon. Unsere online angebotene Urkunde hatte 3.000 Downloads! Und das war sicher nicht einmal die Hälfte derer, die gelaufen sind. Auf Social Media haben wir allein am Sonntag über 100.000 Kontakte generiert! Wir hatten ganz viele Läufer, die sich bedankt haben. Einer schrieb, „eure Aktion hat mich wieder rausgebracht aus der Lethargie.“ So kriegt man die Menschen positiv gestimmt! Das hat mir gezeigt, wie nah wir am Läufer sind und wie wichtig es ist, Optimismus zu verbreiten.