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Alex Hutchinsons Lauflabor Knie wurden gemacht, um genutzt zu werden

Arthritis in den Knien hat sich verdoppelt - aber nicht durch das Laufen. Die Analyse alter Skelette beleuchtet den plötzlichen Anstieg von Arthritis.

Läufer mit Knieschmerzen +
Foto: Yuri_Arcurs / iStockphoto

Knieschmerzen können auch Läufer plagen. Sie rühren aber nicht grundsätzlich vom Laufen her.

Eines meiner Lieblingsthemen in diesem Blog war der weitverbreitete Mythos, dass Laufen die Knie schädigt. Doch in Wahrheit, so bestätigten es in der Vergangenheit auch verschiedene Studien, sind Läufer nicht anfälliger eine Osteoarthritis in ihren Knien zu entwickeln als Nichtläufer.

Trotzdem scheint Osteoathritis heutzutage häufiger aufzutreten, was meist darauf zurückgeführt wird, dass unsere Gesellschaft immer schwerer und älter wird. Doch ist diese Begründung wirklich zutreffend? Genau dies versuchte eine Forschergruppe unter der Leitung von Dan Lieberman an der Harvard University in einer neuen Studie zu klären, die im „Proceedings of the National Academy of Sciences Journal“ veröffentlicht wurde.

Dabei war die Methodik der Studie faszinierend. Denn einer der Forscher reiste im Land herum, um alte und neue Skelett-Sammlungen auf Anzeichen einer „Eburnisation“ zu untersuchen. Dies sind polierte Stelle an den Knieknochen, die durch das ständige Aneinanderreiben der Knochen aufgrund von Knorpelverlust in Verbindung mit Osteoathritis entstehen.

2.500 Skelette untersucht

Insgesamt untersuchte er 2.500 Skelette aus drei verschiedenen Zeitabschnitten:

1. „Prähistorische“ Skelette aus archäologischen Ausgrabungen in Alaska, Kalifornien, New Mexico, Kentucky und Ohio, welche von Jägern, Sammlern und frühen Bauern vor 300 bis 6.000 Jahren stammen. Dabei waren alle diese Menschen zum Zeitpunkt ihres Todes mindestens 50 Jahre alt.

2. Frühindustrielle Skelette aus Cleveland und St. Louis von Menschen, die zwischen 1905 und 1940 starben und deren Leichen für medizinische Untersuchungen und Forschungen genutzt wurden.

3. Postindustrielle Skelette aus Albuquerque und Knoxville, welche von Menschen stammen, die zwischen 1976 und 2015 starben und zudem auch ihre Körper zu medizinischen Zwecken spendeten.

Die Ergebnisse zeigten, dass Knie-Osteoarthritis mit einer etwa ähnlichen Häufigkeit in den prähistorischen und frühindustriellen Skeletten auftrat, jedoch bei den postindustriellen Skeletten noch viel häufiger vorkam.

Natürlich ist dies genau das, was man erwartet, wenn man an die erwähnte Alters- und-Fettleibigkeitstheorie glaubt. Glücklicherweise wurden bei den frühindustriellen und postindustriellen Skeletten auch das Alter und der BMI zum Todeszeitpunkt festgehalten, sodass diese als Faktor in die Analyse der Forscher mit einbezogen werden konnten. Das überraschende Ergebnis: Auch unter Einberechnung des heutigen höheren Lebensalters und höheren BMIs konnte festgestellt werden, dass Knie-Osteoarthritis nach dem 2. Weltkrieg zirka doppelt so häufig auftrat wie vor Kriegsbeginn.

Warum steigt die Osteoarthritis-Rate so stark an?

Wenn es nicht das Alter oder der BMI ist, was ist es dann, das die Osteoarthritis-Rate anscheinend so ansteigen lässt? Die Studie konnte dies nicht beantworten, doch die Forscher haben dazu einige Hypothesen aufgestellt. So ist beispielsweise eine Möglichkeit, dass das ständige Herumlaufen auf harten, gepflasterten Untergründen schlecht für unsere Knie ist.

Diese Hypothese wird durch eine Studie aus dem Jahr 1982 bekräftigt, welche ein Experiment berücksichtigt, bei dem Schafe zweieinhalb Jahre lang entweder auf Beton/Asphalt oder auf Holzspänen/Weiden lebten. Dabei konnte beobachtet werden, dass die auf Beton lebenden Vierbeiner sichtliche Veränderungen an Knorpel und Knochen ihrer Kniegelenke erlitten, so wie es uns vielleicht auch passiert.

Eine andere Hypothese ist, dass Schuhe - und damit sind keine Laufschuhe gemeint - der Grund für die Osteoarthritis sind. Dabei wird oft eine Studie aus dem Jahr 1998 zitiert, welche zeigt das Schuhe mit hohen Absätzen eine ungewöhnlich hohe Kraft auf das Kniegelenk ausüben. Außerdem wird in der Studie noch darauf hingewiesen, dass Frauen somit um zirka 50 Prozent anfälliger für eine Knie-Osteoathritis sind als Männer.

Aber der vermutlich größte Faktor ist die körperliche Inaktivität, denn sowohl Gelenke als auch Muskeln funktionieren nach dem Prinzip: Wer rastet, der rostet. So entwickeln sich, wenn man den ganzen Tag immerzu am Schreibtisch sitzt, am Ende weniger Knorpel und schwächere Muskeln, die eigentlich die Gelenke entlasten sollten. Das Problem ist also nicht zu viel, sondern zu wenig Laufen.

Doch natürlich sind die Dinge im wirklichen Leben nie so geradlinig, weshalb die Autoren vorsichtig ausdrücken, dass noch viel Arbeit vor ihnen liegt, um diese Hypothesen etwas genauer zu untersuchen. Und selbst wenn sich diese Theorien bewahrheiten sollten, werden Läufer weiterhin, auch wenn sie noch so akribisch darauf achten, alles richtig zu machen, Osteoathritis bekommen.

Dennoch sind die Ergebnisse bedeutsam, da sie Beweise gegen die Osteoathritis als reine Abnutzungskrankheit, in der die Knie als überaus verschleißempfindliche Gelenke dargestellt werden, bringen. Denn Ihre Knie wurden gemacht, um genutzt zu werden, und sind am gesündesten, wenn sie regelmäßig gebraucht werden. Also nutzen Sie sie!
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Autor: Alex Hutchinson 13.10.2017
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